Buchtipps

Autor: Mathildis | Datum: 20.11.2018
Mathildis

Es gibt ja Schauspieler, die ihren Ruhm damit vermarkten, dass sie auch noch ein Buch schreiben oder schreiben lassen. Es gibt aber auch Schauspieler, die schreiben können und dazu gehört eindeutig Christian Berkel. Er ist bekannt aus Fernsehkrimis und Filmen, an sein markantes Gesicht erinnert man sich leicht.

In seinem Erstling hat er seine Familiengeschichte aufgearbeitet und sie mit viel Fiktion zu einem richtig guten Familienroman vor dem Hintergrund der Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert verarbeitet. Dafür ist er an die Orte gereist, an denen seine Vorfahren gelebt haben und hat viele Akten und Kirchenbücher gewälzt. Trotzdem oder gerade deshalb ist ein ganz lebendiges Buch herausgekommen, das den Leser nicht kalt lässt.

Der Ich-Erzähler versucht in langen Gesprächen mit seiner dement werdenden Mutter die Vergangenheit der Familie zu erforschen. Seine Mutter war Halbjüdin, was sie im "Dritten Reich" zur Flucht nach Frankreich zwang, wo sie interniert wurde. Doch schließlich gelang es ihr auf einem Transport nach Leipzig zu fliehen und unterzutauchen. Ihre große Liebe Otto blieb in Berlin zurück und musste schließlich als Arzt in den Krieg ziehen. Erst nach über zehn Jahren sahen sie sich wieder und konnten eine Familie gründen. Nun ist der Vater tot und die Erinnerungen der Mutter verblassen langsam. Manchmal fabuliert sie aber auch einfach drauf los, wie sie es schon immer gern getan hat. Was ist Wahrheit, was erfunden? Das fragt sich der Sohn immer wieder.

Man braucht einige Zeit, um sich in das Buch einzulesen, denn der Autor springt manchmal schnell zwischen Zeit und Raum hin und her. Allerdings schreibt Berkel sehr sachlich und sehr reflektiert, das hilft bei der Lektüre. Die Handlung führt die Leser an den Lago Maggiore, nach Frankreich, Spanien und Argentinien, die Familie ist wirklich multinational und sehr offen. Sie ist sicherlich keine typische Familie, aber ihr Schicksal steht beispielhaft für das 20. Jahrhundert mit allen Höhen und Tiefen.

Ein Buch, das man nicht "nebenbei" lesen kann, man braucht schon volle Konzentration, aber es lohnt sich. Es passt sehr gut in die teilweise unsachliche Diskussion über die deutsche Vergangenheit, die wir nie vergessen dürfen. Und ich habe mich über einen Schauspieler gefreut, der wirklich schreiben kann!

Autor: Paul | Datum: 14.11.2018
Paul

Kann ein Sachbuch spannend sein?

Ja, ein Sachbuch kann spannend sein. In diesem Buch geht es um die Anfänge der Black Hand, einer Mafia ähnlichen Verbrechensorganisation in den Italiener-Vierteln New Yorks um die Jahrhundertwende 1900. Die Organisation erpresst Gelder durch Entführung von Kindern, Morddrohungen und angedrohten Sprengstoffanschlägen auf Geschäfte. Die Polizei, deren Mitglieder vor allem irische Einwanderer sind, kümmert sich wenig darum. Die Schwarze Hand wird verharmlost oder sogar als Hirngespinst angesehen. Auch auf politischer Seite vertritt man allgemein diese Meinung.

Im italienischen Viertel kann die Schwarze Hand vor allem deshalb groß werden, weil kaum einer der Polizisten italienisch sprechen kann und deshalb die Verständigung mit der Bevölkerung sehr erschwert ist. Da ist der Polizist Jo Petrosino eine Ausnahme. Als italienischer Einwandere ist er einer der wenigen Polizisten, die italienisch sprechen. Er sieht voraus, das sich die Schwarze Hand in New York und auch in den anderen Städten ausbreiten und mächtiger werden wird. Mit verschwindend geringer Unterstützung der Vorgesetzten und der Politik versucht er mit 4 Kollegen, der sogenannten Italien Quad, seine Landsleute gegen die Schwarze Hand zu unterstützen. Es ist erstaunlich, welche Erfolge die kleine Truppe trotz aller Widrigkeiten verzeichnen kann.

Stephan Talty hat einen Tatsachenbericht geschrieben, auf der Grundlage eines umfangreichen Quellenstudiums. Auch wenn er das Buch in einem sachlichen Berichtsstil verfasst hat, liest es sich doch immer wieder wie ein spannender Krimi. Das ist vor allem an den Stellen der Fall, an denen von beispielhaften Fällen berichtet wird.

Talty gibt einen sehr guten Einblick in die damaligen Verhältnisse. Man fragt sich oft, wie die Politiker damals die Augen vor der Wirklichkeit verschlossen haben und so die Schwarze Hand groß werden konnte, genau so, wie Petrosino es vorausgesagt hatte.

Aber auch heute ist es oft so, dass erst das Kind in den Brunnen gefallen sein muss, ehe man etwas unternimmt. Also genau wie damals. Nichts dazu gelernt.

Autor: Mathildis | Datum: 07.11.2018
Mathildis

Dieser Roman ist wie ein Kammerspiel, denn es gibt nur drei handelnde Personen und alles spielt sich in der Praxis der Eheberaterin Sandy ab, die den getrennt lebenden Eheleuten Steve und Charlotte bei der Suche nach einer letzten Chance für ihre Ehe helfen will. Die Ehe war schon seit einiger Zeit nicht in Ordnung und dann hatte Steve auch noch eine Geliebte, statt seine Frau in ihrer schwierigen beruflichen Situation zu unterstützen. Schließlich zog Charlotte mit den beiden gemeinsamen Kindern aus und fing ebenfalls eine Beziehung an. Die drei Personen sitzen sich in ihren gemeinsamen und einzelnen Therapiestunden gegenüber, neben ihnen steht außerdem noch ein alter grüner Sessel, der erst später eine Rolle spielt.

Das Buch ist sehr dicht geschrieben und man bekommt tiefe Einblicke in das Seelenleben der drei Personen. Auch bei Sandy ist nicht alles in Ordnung, ihre schwierige Beziehung zu ihrer sehr dominanten Mutter hat ihr das Leben schwer gemacht. Sie stellt Fragen, gibt auch manchmal Tipps, aber sie überlässt den größten Teil der Beziehungsarbeit den beiden Eheleuten. Allmählich werden die Probleme des Paares deutlicher, die vor allem in ihrem Kommunikationsverhalten liegen. Steve kauft ein Haus und beide betreuen die Kinder wöchentlich abwechselnd. Doch trotz der Trennung scheinen noch immer Reste ihrer großen Liebe vorhanden zu sein. Ob sie noch eine Chance bekommen, das wird hier nicht verraten.

Der Roman ist sehr ruhig geschrieben und manchmal dreht er sich wie die Beziehung im Kreis. Trotzdem finde ich das Buch lesenswert und es regt zum Nachdenken an.

Autor: Mathildis | Datum: 24.10.2018
Mathildis

Shakespeares "Macbeth" wurde schon oft zu Dramen, Filmen oder Opern verarbeitet, die Geschichte ist bekannt.

Nun hat Jo Nesbo sie in die Gegenwart transponiert. Macbeth ist hier ein Polizeibeamter, der die Stadt im Norden Schottlands zu einem besseren Ort machen will, denn Korruption, Drogen und Arbeitslosigkeit haben sie verdorben. Doch "Lady", Macbeth' Geliebte und Spielcasinobesitzerin, stachelt ihn an, seinen Vorgesetzten Duncan umzubringen und selbst dessen Posten zu erlangen. Damit beginnt ein sehr blutiges Spiel, das für alle tragisch endet.

Nesbo benutzt die Namen aus Shakespeares Drama, Duff, Malcolm oder Hecate tauchen als Personen auf, haben allerdings andere Funktionen. Auch die Hexen dürfen natürlich nicht fehlen.

Der Autor zeigt sehr geschickt auf, dass Gier, übertriebener Ehrgeiz und Machtbesessenheit zeitlos und seit Shakespeares Ära nicht ausgestorben sind. Damit beweist sich wieder einmal die Zeitlosigkeit von Shakespeares Dramen, die heute so aktuell sind wie vor 400 Jahren. Aber auch wenn man die Vorlage kennt, so schafft es Nesbo doch immer wieder den Leser zu überraschen, denn sein Einfallsreichtum ist unerschöpflich.

Dass er solide und spannungsreich schreibt - wie immer - das muss eigentlich nicht eigens erwähnt werden.

Es ist hilfreich, wenn man die Geschichte des Macbeth in groben Zügen kennt, aber dafür gibt es zur Not Wikipedia.

Autor: Paul | Datum: 17.10.2018

Raffiniert und spannend

"Bösland", das ist der Dachboden, wo Ben regelmäßig von seinem Vater mit dem Gürtel geschlagen wird. Er bekommt die Schläge für Kleinigkeiten. Eigentlich sind es nur Pseudogründe, die der Vater erfindet, um vor sich selbst einen Grund zu haben, wieder zuschlagen zu können. Als Ben 13 Jahre alt ist, erhängt sich der Vater auf dem Dachboden.

Ben und sein Freund Felix Kux benutzen "Bösland", um sich da zu treffen. Mit einer alten Filmkamera halten sie Dinge ihres Alltags fest, die für sie wichtig sind. Im "Bösland" wird auch ein Mädchen mit einem Golfschläger ermordet.

Ben bleibt nach dem diesem Mord jahrelang stumm und kommt, bis er erwachsen ist, einige Jahre in die Kinder- und Jugendpsychiatrie und danach in die Erwachsenen Abteilung. Hier lernt er Therese Vanek kennen, eine Ärztin, die einen Zugang zu ihm findet und ihm dazu verhilft, wieder ein normales Leben zu führen. Er bekommt eine Stelle in einem Fotolabor.

Im Rahmen seinen Laborarbeit findet er ein Foto mit seinen alten Freund Kux. Er findet dessen Adresse heraus und macht sich auf um ihn zu treffen. Kurz darauf kommt es zu einem weiteren Mord.

Bernhard Aichner schreibt in einem sehr flüssigen Stil. Es wechseln sich jeweils zwei Arten kurzer Kapitel ab: In einem beschreibt Ben Vorgänge, Gedanken, Beweggründe. Im nächsten Kapitel ist ein Gespräch dargestellt zwischen Ben und einer der anderen Personen des Buches. Dann wieder Erzählung und wieder Gespräch. Dabei wird jedem Kapitel ein kurzes bezeichnendes Zitat aus dem folgenden Text als Überschrift vorangestellt.

Nach einigen der kurzen Kapitel beginnt man zu ahnen oder besser gesagt zu hoffen, wie das Buch ausgehen könnte. Aber trotzdem wird es nicht langweilig. Aichner versteht es, die Spannung hoch zu halten. Denn es ist bis zum Ende nicht klar, ob sich der erhoffte Schluss einstellt, oder ob Aichner doch ein anderes Ende gefunden hat.

Das Buch ist jedenfalls empfehlenswert. Ich hatte mich so fest gelesen, dass ich das Buch an einem Tag (bei Vernachlässigung anderer Dinge) ganz durchgelesen habe.

Autor: Mathildis | Datum: 10.10.2018

Eine sechshundertseitige Biografie flößt im ersten Moment Respekt ein. Doch dann macht das Buch wirklich Spaß!

Das Titelbild zeigt eine junge Frau, die mit schwärmerischem Blick seitlich am Betrachter vorbei schaut. Wirklich hübsch ist sie nicht und ein Portraitgemälde ist sicherlich auch vom Maler geschönt, aber die junge Frau zieht die Aufmerksamkeit auf sich.

Und sie war wirklich ungewöhnlich! Über 63 Jahre regierte und repräsentierte sie das englische Empire mit allen Höhen und Tiefen. Es war eine Zeit des großen Wandels von der Agrargesellschaft hin zur Industriegesellschaft. Die Arbeiter strömten in die Städte und lebten dort unter erbärmlichsten Bedingungen, die Frauen forderten mehr Rechte und das britische Empire vergrößerte sich durch Eroberungen und Kriege zu seiner maximalen Größe.

Victoria gilt als Matrone und Familienmensch, doch dieses Buch zeigt, dass sie viel mehr war. Nach dem Tod ihres geliebten Mannes Albert von Sachsen-Coburg- Gotha nahm sie nach einer langen Trauerzeit die Zügel in die Hand, kümmerte sich um die politischen Entscheidungen der zahlreichen Premierminister und mischte sich ein. Dabei nahm sie weiterhin intensiv am Leben ihrer neun Kinder teil, von denen drei vor ihr starben, und die in Königshäuser in ganz Europa einheirateten. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. war ihr Enkel. Ihre Affäre mit John Brown, einem schottischen Wildhüter, und das Verhältnis zu dem indischen Diener Abdul Karim bedienen auch die Lust am Klatsch. Insgesamt ist es aber ein ernsthaftes Buch, in dem man viel über die politischen und geschichtlichen Hintergründe der Zeit erfährt.

Julia Baird gelingt es bei aller historischen Genauigkeit ein lebendiges Bild der Herrscherin zu zeichnen. Im Gegensatz zu manchen anderen Biografien schreibt sie gut lesbar, ohne den historischen Kontext zu vernachlässigen.

Das Buch enthält zahlreiche Bilder und Fotos aus dem Leben Victorias und einen umfangreichen Anhang mit Anmerkungen, Bibliografie und Bildnachweisen und genügt damit auch historischen Anforderungen. Nach dem Lesen dieses Buches sieht man das britische Königshaus mit anderen Augen.

Autor: Mathildis | Datum: 03.10.2018
Mathildis

Dies ist der 21. Roman über Tabor Süden, den ehemaligen Kommissar, der in einer Detektei als Vermisstensucher gearbeitet hat.

Nachdem sein Kollege umgekommen ist, hat er sich ganz zurückgezogen und nun will er aus München verschwinden. Doch am Bahnhof holt ihn seine ehemalige Chefin Frau Liebergesell ein und beauftragt ihn, den verschwundenen Kriminalschriftsteller Cornelius Hallig zu suchen, der aus dem Hotel verschwunden ist, in dem er dreißig Jahre lang lebte. Beide sind einsame Menschen, die den Halt im Leben verloren haben und nur noch weg wollen - auf der "Straße, die noch keiner ging zurück"... Nur langsam nähern sich die beiden Männer an. Man fragt sich unwillkürlich, ob der einsame Schriftsteller auch Züge von Friedrich Ani mitbekommen hat.

Friedrich Ani hatte immer schon ein Faible für die Menschen am Rande der Gesellschaft und in diesem Buch beschreibt er besonders eindringlich das Leben dieser Menschen auf nur 142 Seiten. Das Buch ist von großer Kälte und Einsamkeit geprägt und doch ist man am Ende versöhnt mit der Welt und dem Schicksal. Ganz große Kunst!

Autor: Paul | Datum: 24.09.2018

Herr May auf Reisen

Karl May! Das war der, dessen Bücher ich als Kind unter der Bettdecke mit Taschenlampe gelesen habe, oder besser gesagt, verschlungen habe. Na ja nicht alle. Manche waren mir zu philosophisch. Zu Karl May gehörte Aktion mit Kara Ben Nemsi oder Old Shatterhand.

Bei Philipp Schenke lernen wir einen anderen Karl May kennen. Karl May auf seiner ersten(!) Reise in den Orient. Als Tourist, der sich erst mal zurecht finden muss, und der sehr erstaunt ist, dass der Orient doch so ganz anders ist, als er ihn in seinen Büchern beschrieben hat. In diese Reisegeschichte verflochten ist eine zweite Geschichte, die ein paar Jahre später spielt. Mays Ehe mit Emma ist zerrüttet und Emmas Stelle wird immer mehr von Klara der Witwe seines Freundes Richard eingenommen. Schon während seiner Reise in den Orient und später wieder daheim in Radebeul muss May sich der Verdächtigungen erwehren, dass er die Reisen, die er in seinen Büchern beschreibt, nicht selbst unternommen hat. Sie seien nur seiner Fantasie entsprungen.

Schwenke zeigt uns einen ganz anderen Karl May, als den, der uns aus den Büchern geläufig ist. Offensichtlich war May ein Egomane, der sich jeder Kritik an seinen Büchern vehement entgegen stemmt und sich höheren Zielen verpflichtet sieht. Raffiniert zieht er sich aus der Affäre, als die Kritik an ihm immer stärker wird.

Schwenke lässt sich leicht lesen. Man hat den Eindruck, als ob er Karl May unabsichtlich entlarvt, wenn er ihn als hilflosen Touristen beschreibt, der so gar nicht dem Kara Ben Nemsi seiner Bücher entspricht. Etwas habe ich bei Schwenke allerdings genauso gemacht, wie damals bei Karl May: Manche Stellen habe ich diagonal gelesen. Da hat Schwenke (vielleicht absichtlich) Karl May mit ausufernden Schilderungen kopiert.

Autor: Mathildis | Datum: 19.09.2018
Mathildis

Als Benedict Wells vor vier Jahren bei „Kultur rockt“ im Pferdestall von Dörnholthausen zu Gast war und sein Buch „Becks letzter Sommer“ vorstellte, kannten ihn nur Insider. Trotzdem beeindruckte er damals schon mit seiner feinen und sensiblen Sprache. Nun hat er einen Kurzgeschichtenband mit zehn Geschichten aus zehn Jahren vorgelegt. Darunter sind zwei, die mit seinem Bestseller "Vom Ende der Einsamkeit" in Verbindung stehen, aber unabhängig davon zu lesen sind.

Die Kurzgeschichte ist ja bekanntlich die Königsdisziplin der Literatur und Alice Munro bekam vor einigen Jahren für ihre Kurzgeschichten den Literaturnobelpreis. Es ist große Kunst, wenn ein Schriftsteller einen ganzen Kosmos in einer so komprimierten Form auf das Papier bringen kann und sich vor dem Leser eine große Geschichte entwickelt.

Eigentlich ist es keine Überraschung: Benedict Wells kann auch Kurzgeschichten schreiben. Sie sind vielseitig und vielschichtig. Traurige Geschichten wie "Die Wanderung" über ein verpasstes Leben, biografische Erinnerungen an "Das Grundschulheim" oder skurrile Erlebnisse wie "Ping Pong" lesen sich zwar leicht, aber sie hinterlassen großen Eindruck. Besonders die Geschichte "Das Franchise" hat mich mit ihrer auf die Spitze getriebenen Absurdität beeindruckt.

Wells' Themen sind immer wieder Einsamkeit, Sprachlosigkeit und die entscheidenden Momente im Leben, die nicht wiederkommen.

Es erstaunt mich immer wieder, mit welcher Sprachmacht dieser junge Schriftsteller seine Bücher zu Papier bringt. Er ist schon lange kein "Talent" mehr, sondern ein reifer Autor, von dem noch viel zu erwarten ist.

Autor: Paul | Datum: 12.09.2018
Paul

Ein ungewöhnlicher Kriminalroman

Hamburg und Bremen als Orte der Handlung, ein Familien-Clan in Bremen, eine Versicherungsbüro in Hamburg die zentralen Punkte, die in diesem Krimi eine Rolle spielen. Nouri Saroukan, ein ehemaliger Student und jetzt Versicherungsangestellter, der von seinem Familien-Clan verstoßen wurde und Aliza seine Freundin aus einem anderen Familien-Clan, also quasi eine Romeo und Julia Konstellation, sind die zentralen Figuren. Auf der Seite des Rechts die Staatsanwältin Chastity Riley und Kollegen von der Kripo. Ein Tod in einem brennenden Auto. Aus all diesem Bausteinen bastelt Simone Buchholz einen ungewöhnlichen Krimi.

Sie schreibt in einem außergewöhnlichen Stil, einmal, was die Spannungskurve angeht. Es geht ihr dabei offensichtlich nicht um knisternde Hochspannung. Man hat an vielen Stellen den Eindruck, dass sie eine eindringliche Milieu Studie verfasst und der eigentliche Kriminalfall in den Hintergrund tritt. Dabei wird man als Leser von ihr mit Hilfe einer niedrigen aber beständigen Spannungskurve durch das Buch geführt.

Zum anderen ist der Stil an einigen Stellen gewöhnungsbedürftig. Man weiß manchmal gar nicht, worum es eigentlich geht. Manches wird später deutlich, manches bleibt rätselhaft. Dazu vielleicht ein Zitat von Seite 212: "Ein Stern fällt vom Himmel, und eine Möwe lacht sich kaputt, während in Mexiko, Argentinien und Brasilien die Straßen brennen." Alles klar?

Ein ungewohnter Krimi, aber, wenn man sich darauf einlässt, ein empfehlenswertes Buch.

Autor: Mathildis | Datum: 05.09.2018
Mathildis

Die beiden Brüder Philipp und Tobias wachsen während der Nachwendezeit in einem typischen Dorf in der Lausitz auf. Die Eltern haben ein Häuschen gebaut und zahlen es mit Mühe ab, beide gehen arbeiten und die Jungen gehen nach der Schule in den Hort. Durch die Wende sind in der Gegend viele Arbeitsplätze verschwunden und man schlägt sich so durch. Das Dorf ist trostlos und es ist nicht viel los. Hexenbrennen und Kirmes sind die Höhepunkte des Jahres.

Als der Neonazi Menzel im Dorf auftaucht, übt er eine große Faszination auf Philipp aus, endlich kommt Leben ins Dorf. Doch nach einigen "Aktionen" wendet er sich von Menzel ab, als er merkt, dass der auch keine echte Alternative zu bieten hat. Stattdessen lässt sich Tobias auf ihn ein und sie wollen etwas "gegen die Ausländer" unternehmen, die in die alte Schule einziehen sollen.

Das Buch zieht sich über einen Zeitraum von 17 Jahren, man begleitet die beiden Jungen von der Grundschulzeit bis ins Erwachsenenleben. Dabei wird deutlich, wie trostlos das Leben in der sächsischen Provinz ist. Die Eltern haben ihre eigenen Sorgen, nur die Großeltern interessieren sich wirklich für die Kinder. Perspektive oder Ehrgeiz sind nur in bescheidenen Ansätzen vorhanden. Einfache Lösungen sind in dieser Situation sehr verführerisch, bieten aber auch keine wirkliche Verbesserung.

Lukas Rietzschel beschreibt das alles sehr nüchtern und nicht wertend. Dadurch wird das Buch aber sehr eindringlich, denn die Schlussfolgerungen muss der Leser selbst ziehen.

Ich hatte manchmal Mühe weiterzulesen, weil so wenig passierte, aber das Dranbleiben lohnt sich.

Man erfährt viel über die Situation und die "bleierne Zeit" nach der Wende, als die Arbeitsplätze, die man kannte, verloren gingen und sich die Menschen in allen Lebensbereichen sehr schnell auf Neues einstellen mussten. Das war nicht immer leicht und die heutige politische Situation ist sicherlich auch dem Fehler geschuldet, dass man im Westen darauf zu wenig Rücksicht genommen hat. Das soll keine Entschuldigung für afd und Pegida sein, aber viele Menschen waren mit der Situation überfordert und suchen einfache Lösungen, auch wenn diese nicht zur Verbesserung der Lage beitragen.

Ein eindrucksvolles Buch und sehr politisch!

Autor: Pauk | Datum: 29.08.2018
Paul

Entlarvende Jugendgeschichte

Wie kann man durch Fälschen und Lügen Gutes tun? Eigentlich erst mal nicht so richtig, denkt man. Aber Benedikt Jäger, 16 Jahre und Schüler am Gymnasium in Weiden, macht es vor. Er muss fälschen - nämlich Zeugnisse und Klassenarbeiten - damit seine schlechten Leistungen vor allem in Mathematik und Physik zu Hause nicht auffallen. So erreicht er, dass seine Eltern der Meinung sind, dass ihr Sohn ein Klasse-Schüler in allen Fächern ist. Das könnte er natürlich auch sein, wenn er sich nicht zu sehr mit Tennisspielen beschäftigen würde und mit Abhängen im obskuren "Butterhof". Wie er - teilweise mit Hilfe seiner Freunde - damit durchkommt und trotz einiger Katastrophen alles zum positiven Ende kommt, ist herrlich zu lesen.

Thomas Klupp schreibt in der Ich-Form mit Benedikt als Erzähler und in erfrischender Jugend-Sprache. Viele kurze Sätze nacheinander sind seine Spezialität. Ein teilweise entlarvender Blick wird auf die Erwachsenenwelt in Gestalt der Eltern, der Lehrer oder Crystal-Mäx, als Vertreter der Weidener Unterwelt, geworfen.

Angenehm zu lesen. Auf jeden Fall empfehlenswert.

Autor: Mathildis | Datum: 22.08.2018
Mathildis

Deutschland 1991. Das Land ist wieder vereinigt und die Treuhand muss die Betriebe in der ehemaligen DDR verkaufen, um möglichst noch einige Arbeitsplätze zu erhalten. Das Interesse im In- und Ausland ist groß, aber die Käufer haben nicht immer gute Absichten.

Der Chef der Treuhand Hans-Georg Dahlmann steht unter gewaltigem Druck. Als er eine Freundin seiner Tochter als Persönliche Referentin einstellt, ahnt er nicht, dass die junge Frau der dritten Generation der RAF angehört und diese ein Attentat auf den "Volksfeind" plant. Dann wird auf Dahlmann geschossen.

Das Buch ist eine Art Doku-Fiktion, beruht auf Tatsachen rund um die Ermordung des Treuhandchefs Detlef Karsten Rohwedder und wurde sehr gut recherchiert. Es enthält aber auch viele fiktive Elemente und wird dadurch sehr spannend.

Der Mord an Rohwedder wurde nie aufgeklärt, obwohl man ein Haar des RAF-Terroristen Wolfgang Grams am Tatort fand. Daher sind die Spekulationen im Roman nicht von der Hand zu weisen. So könnte es gewesen sein, muss es aber nicht.

Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte wurden fast alle Namen verändert, nur der Bundeskanzler taucht mit echtem Namen auf. Wer die Zeit selbst erlebt hat, kann aber die Personen wie Birgit Hogefeld oder Wolfgang Schäuble schnell zuordnen.

Besonders gut hat mir an diesem Buch der rasante, präzise und manchmal zuspitzende Stil gefallen. Kurze Sätze, schnelle Schnitte, da merkt man, dass Georgi mit Spannung umgehen kann! Obwohl man am Anfang schon erfährt, wer das Attentat auf Dahlmann plant, bleibt das Buch spannend bis zuletzt.

Ein richtig guter Thriller, der seinen Namen verdient und einen verstörenden Blick auf ein wichtiges Stück deutscher Zeitgeschichte bietet!

Autor: Paul | Datum: 16.08.2018
Paul

Absurde satirisch, tragische Komödie

Merkwürdige Überschrift! Oder? Aber auch der Roman hat merkwürdige Züge. Ist er eine Tragödie, eine Satire oder Komödie? Die Antwort lautet: Ja! Alles drei! Christoper Wilson hat einen Roman geschrieben, bei dem man oft lachen muss, einem aber das Lachen auch oft im Halse stecken bleibt.

Aber zunächst zur Handlung: Juri, die Hauptperson, ist ein zwölfeinhalb Jahre alter Junge, der vor sechs Jahren von einem Milchwagen angefahren und durch die Luft geworfen wird, um dann anschließend noch von einer Straßenbahn überfahren zu werden. Das hat einige vor allem geistige Folgen für ihn. Er leidet an sozusagen furchtloser Impulsivität. Er sagt immer das, was er denkt. Das ist eigentlich im damaligen Russland unter Stalin nicht empfehlenswert. Aber weil er ein so vertrauenerweckendes Gesicht hat und als verrückt gilt, kommt er damit durch und wird in Stalins Datscha während dessen letzten Lebenswochen zu seinem Vorkoster.

Absurd ist die Situation oft. Aber so ist auch die menschenverachtende Haltung und Handlung der Regierenden. Man könnte sie ins Reich der Fiktion stellen, wenn man nicht wüsste, dass vieles davon real war.

Das Buch ist also eine absurde satirisch, tragische Komödie. Und wirklich lesenswert.

Das Buch erscheint am 16. August.

Autor: Mathildis | Datum: 08.08.2018
Mathildis

Bisher hatte ich schon einige Bücher von Karen Slaughter gelesen, die mir alle gut gefallen haben, aber dieses ist ihr bisher bestes. Es gehört zu keiner ihrer Krimireihen und fällt vom Thema und der Schreibweise etwas aus dem Rahmen ihrer bisherigen Veröffentlichungen. Aber genau das macht es so interessant.

Andrea und ihre Mutter Laura geraten in einem Einkaufszentrum in eine Schießerei und dabei gelingt es Laura den Attentäter zu überwältigen und zu töten. Damit setzt sie eine Lawine in Gang, die beide Frauen in große Gefahr bringt und Andrea muss fliehen. Seltsamerweise hat ihre Mutter diese Flucht schon vor langer Zeit akribisch vorbereitet. Hat Andrea Laura wirklich gekannt? Schatten der Vergangenheit tauchen auf...

Das Buch besteht aus zwei getrennten Erzählsträngen: sie spielen 2018 und 1986. Zuerst kann man nicht einordnen, wie beide zusammenhängen, doch dann erkennt man allmählich die Personen und kann sich einige Dinge zusammenreimen. Doch die Wahrheit erfährt man erst ganz am Schluss.

Das Buch ist hervorragend konzipiert und erstklassig geschrieben. Der Spannungsbogen fällt nie ab, es gibt keine Längen. Immer wieder bringen überraschende Wendungen neue Spannung. Auch ist das Thema sehr aktuell. Wie kann man Menschen manipulieren? Genügen etwas Charisma und kriminelle Energie?

Ein echter Pageturner und ein Muss für jeden Krimifan!

Autor: Paul | Datum: 25.07.2018
Paul

Schnipsel ergeben ein Ganzes.

Ein neuer Mankell? Ja und nein. Eigentlich ist es ein alter Mankell. 25 Jahre alt. Sein Debütroman. Aber er ist erst jetzt auf Deutsch erschienen. Eine schöne Rückschau also auf den ganz frühen Mankell, auf die Vor-Wallander-Zeit.

Worum geht es? 

Oskar Johansson wird als junger Sprengmeister bei einer Sprengung stark verletzt und überlebt wider Erwarten. Seine Freundin Elly trennt sich kurz danach von ihm. Oskar heiratet später ihre Schwester Elvira. Nach der Genesung nimmt Oskar seinen Beruf als Sprengmeister wieder auf. Er engagiert sich politisch, weil er an der Situation der Arbeiter etwas ändern will.

Ungewohnt ist die Schreibweise Mankells. Man hat den Eindruck, dass es da einen Haufen Zettel mit Notizen und Aufzeichnungen gegeben hat, die auch noch etwas zeitlich durcheinander geraten sind. Manche Zettel enthalten nur einen Satz, manche lange Texte. Diese Zettel sind dann hintereinander gefügt worden zu einem Buch. Man kann sich vorstellen, dass man da zunächst etwas verwirrt ist und sich zurecht finden muss. Wer erzählt da? Ist es der anonyme Erzähler? Sind es Oskars Äußerungen (immer unvermittelt, aber daran erkennbar, dass sie in wörtliche Rede gesetzt sind)? Um wen geht es? Um welche Zeit handelt es sich?

Das liest sich jetzt verwirrend. Ich dachte auch zu Beginn, wie soll man sich da durch finden. Aber nach ein paar Seiten ist das gar kein Problem mehr. Es ist überraschend, wie Mankell die Geschichte trotz aller Zeitsprünge durchsichtig entwickelt.

Als Fazit: Ein interessanter Rückgriff auf Mankells Anfänge. Es äußert sich selbst dazu im Nachwort. Leicht zu lesen. Angenehme Lektüre mit ernstem Hintergrund.

Autor: Mathildis | Datum: 17.07.2018
Mathildis

In Zeiten, in denen ein amerikanischer Präsident sich rühmt jeder Frau an die "Pussy" fassen zu dürfen, ist ein Buch über Feminismus hochaktuell.

Die junge Greer ist unsicher und schüchtern, als sie der Frauenrechtlerin Faith Frank bei einer Veranstaltung begegnet. Faith ermutigt sie ihren eigenen Weg zu gehen und Jahre später darf Greer für die verehrte Frau arbeiten. Doch dann kommt es zum Bruch und Greer muss allein für ihre Ideale kämpfen. Dabei hinterfragt sie sich selbst immer wieder und fokussiert sich neu.

Wolitzer schildert wie auch in ihren anderen Büchern das Geschehen aus der Perspektive unterschiedlicher Hauptpersonen. Neben Greer tauchen auch ihr Freund  Cory, ihre Freundin Zee und Faith selbst als Hauptpersonen auf. Eindringlich schildert Wolitzer die Lebensgeschichten dieser Personen, ihre Erfolge und Enttäuschungen.
Das Buch ist politisch durch den hoch aktuellen Hintergrund, aber auch sehr gut zu lesen, weil viel persönliches Schicksal hineinspielt. Man fragt sich, warum nicht mehr Frauen gegen das Bild aufbegehren, das in den Medien und an den Stammtischen von ihnen gezeichnet wird.

Besonders gut hat mir das Cover gefallen, die vielen bunten Streifen strahlen einerseits Lebensfreude aus, setzen sich aber auch zu einem "weiblichen" Dreieck zusammen. Die teilweise hinter den Streifen verschwindenden Buchstaben stehen für mich für die Frauen, die sich selbst nicht ganz trauen selbstbewusst aufzutreten und sich hinter Rollenbildern verstecken.

Ich finde das Buch unbedingt lesenswert.
 

Autor: Paul | Datum: 04.07.2018
Pauk

Isaiah Quintabe, genannt IQ, ist Privatdetektiv in Los Angeles. Von armen Leuten lässt er sich auch schon mal in Naturalien bezahlen. Vor Jahren wurde sein Bruder Marcus bei einem Unfall getötet. Durch Zufall entdeckt IQ das Autowrack des beteiligten Wagens. Er erkennt, dass sein Bruder nicht durch einen Unfall umgekommen ist, sondern gezielt getötet wurde. Jetzt setzt er alles daran den Mörder zu finden.

Die ehemalige Freundin seines Bruders engagiert ihn, dass er Ihre Halbschwester suchen und schützen soll, die zusammen mit ihrem Freund der Spielsucht verfallen ist.

Es ereignet sich einiges bis es zum nicht erwarteten Ende kommt. Ich hatte dieses Ende jedenfalls nicht erwartet.

Jo Ide schreibt flüssig. Der Text ist zwar leicht zu lesen, aber man hat Schwierigkeiten, die handelnden Personen und Gruppen auseinander zu halten. Da entsteht oft einfach nur Verwirrung. Jo Ide bleibt dabei als Autor recht unbeteiligt. Er scheint zu seinen Personen keine direkte Beziehung zu haben. Und so blieben sie auch für mich recht farblos.

Thriller steht auf dem Cover. Ich meine Krimi, Standard-Krimi, reicht.

 

Autor: Mathildis | Datum: 20.06.2018

Linn Ullmann ist die Tochter der Schauspielerin Liv Ullmann und des Regisseurs Ingmar Bergmann. Obwohl ihre Eltern nicht verheiratet waren und Bergmann noch weiter acht Kinder hatte, hatte Linn einen gute Beziehung zu ihrem Vater, den sie in jedem Jahr für vier Wochen auf seinem Landsitz besuchen durfte. Ansonsten lebte sie ein unruhiges Leben mit ihrer Mutter und wechselnden Kindermädchen an verschiedenen Orten.

In diesem Buch erzählt sie autobiographisch aus ihrem Leben mit den beiden Berühmtheiten. Das Buch geht aber weit über eine reine Biographie hinaus. Das Leben der Hauptpersonen wird in wechselnde literarische Formen gebracht, es gibt Gesprächsprotokolle mit Bergmann, vage Kindheitserinnerungen und Auszüge aus Briefen und Gedichten. Ullmann schildert eindringlich den langen Weg ihres Vaters in die Demenz und macht sich Gedanken über das Altern. Dabei vermeidet sie jeden Voyeurismus, sondern schreibt eher kühl und distanziert, doch man spürt, dass ihr die Verarbeitung der Krankheit des Vaters nicht leicht fällt. Erst viele Jahre später kann sie die Tonbänder abhören, die sie in der letzten Lebensphase mit ihm aufgenommen hat.

Es ist gut, wenn man einige der Filme des Paares gesehen hat ("Szenen einer Ehe" zum Beispiel), aber man kann das Buch auch ohne diese Vorbildung gut lesen.

Linn Ullmann ist eine erstklassige Schriftstellerin und hat zu Recht schon viele Preise gewonnen. Dieses Buch ist wieder anspruchsvoll, aber ich habe es sehr gern gelesen. Es fordert, aber es überfordert nicht.
 

Autor: Mathildis | Datum: 30.05.2018

Ich bin quasi ein Kluftinger-Fan der ersten Stunde und musste natürlich auch seine zehnten Abenteuer lesen.

Diesmal wird es sehr persönlich, denn irgendjemand will Kluftinger ans Leder. Da steht ein Kreuz mit seinem (vollständigen!!) Namen an einem frischen Gab auf dem Friedhof, es wird eine Traueranzeige für ihn in der Zeitung geschaltet und Sterbebildchen finden sich in der Kirche, das wirkt schon alles sehr bedrohlich. Dazu kommt noch, dass Klufti Opa eines nicht näher beschriebenen Kindes (kein Name, kein Geschlecht) geworden ist dadurch besonders angespannt ist. Kluftinger sucht in seiner Vergangenheit nach möglichen Tätern und dabei erfährt man außer seinen Vornamen auch noch eine Menge über die Jugend des Kommissars. Durch die verschiedenen zeitebenen wirkt das Buch sehr lebendig.

Das ist wie immer kurzweilig zu lesen und macht größtenteils Spaß, ist aber auch manchmal sehr vorhersehbar, wie bei dem Autokauf.

Wie man sieht enthält das Buch einige Schmankerln für Klufti-Fans!

Leider finde ich das Ende ziemlich misslungen, da bleiben einige Handlungsstränge (z.B. um den Herrn Rösler) offen und ich habe den Eindruck, dass man hier schon in den nächsten Klufti-Krimi hinein gezwungen werden soll. Das mag ich nicht. Deshalb stellt mich der Schluss nicht ganz zufrieden.

Aber insgesamt ein lockerer, gut zu lesender Krimi, den man auch genießen kann, wenn man die ersten Bände nicht kennt.

Autor: Paul | Datum: 16.05.2018

Ungewöhnlich und ungewöhnlich spannend!

Vivian Müller arbeitet bei der CIA als Spionageabwehr-Analystin. Sie hat einen speziellen Algorithmus entwickelt, um russische Spione (sogenannte Schläfer) aufzuspüren. Als sie bei der Recherche auf ein Foto Ihres Mannes Matt stößt, gerät ihr Leben und das Ihrer Familie in höchste Gefahr. Karen Cleveland erzählt die Geschichte aus der Sicht Vivians. Es sind zwei Erzählstränge, die eigentliche Spionagegeschichte und die Familiengeschichte. Beide sind innig miteinander verwoben. Die Familiengeschichte steht dabei ziemlich im Mittelpunkt. Ungewöhnlich ist das schon bei einem Spionagethriller, dass nicht ein einzelner Spion im Mittelpunkt steht, sondern eine Familie mit den Sorgen um die Kinder, um die Finanzen, um Schule und Kindergarten. Ungewöhnlich aber spannungsfördernd. Man identifiziert sich mit Vivian und ihrer Familie.

Es lässt sich zusammenfassend sagen: der Roman ist ungewöhnlich aber auch ungewöhnlich spannend.

Autor: Mathildis | Datum: 10.05.2018

Toni Morrison hat vor einigen Jahren den Literaturnobelpreis bekommen und wenn man dieses Buch gelesen hat, dann weiß man warum.

Sie erzählt auf 200 Seiten die Geschichte von Bride, die als extrem schwarzes Kind geboren wurde, während ihre Eltern relativ hellhäutig sind. Ihre Mutter schämt sich wegen der schwarzen Hautfarbe und will Bride mit Härte und Unnachgiebigkeit zu einem starken Menschen erziehen, während der Vater die Familie im Stich lässt. Doch Bride sucht ihren eigenen Weg und verliebt sich in Booker, der sie ganz plötzlich ohne Angabe von Gründen verlässt. Ihre Suche nach dem Geliebten ist auch eine Suche nach ihren eigentlichen Wesen, weg von der Oberflächlichkeit hin zu tiefer Menschlichkeit.

Das Buch ist wie auch die anderen Bücher von Morrison in einer sehr anschaulichen, bildhaften Sprache geschrieben. Man taucht schnell ein in die Welt von Bride und durch den Wechsel der Perspektiven mit verschiedenen Erzählern aus unterschiedlichen Lebensaltern wird das Buch sehr lebendig.

Morrison ist eine Meisterin der Sprache und das wird auf diesen zweihundert Seiten besonders deutlich, viele Sätze sind zum Niederknieen. Man hat den Eindruck, dass das Buch die Essenz ihres Wirkens ist.

Das Buch kommt in der momentanen politischen Situation genau zur richtigen Zeit. Sie steht damit ganz deutlich in der Tradition von James Baldwin und anderen schwarzen Erzählern.

Autor: Paul | Datum: 02.05.2018

Ein kleines Juwel.

Ein Krimi ist das, dachte ich, als ich das Buch zuerst in die Hand nahm. Aber es ist nicht einfach ein Krimi. Es ist viel mehr. Ein tiefgründiger Text, aber leicht erzählt. Eigentlich sind es ja mehrere Texte. Denn das Buch besteht aus mehreren voneinander unabhängigen Geschichten. Schicksale werden erzählt. Oft gibt es unerwartete Wendungen. Und immer wieder fragt man sich: Was ist Gerechtigkeit? Was ist Schuld? Faszinierend zu lesen. Nach jeder Geschichte drängt es einen, die nächste vorzunehmen. Aber ich empfehle, sich die Geschichten aufzuteilen auf mehrere Abende.

Auf jeden Fall bekommt das Buch eine volle Empfehlung.

Autor: Mathildis | Datum: 18.04.2018

Den ersten Spreewaldkrimi der Autorin habe ich vor einiger Zeit gelesen und war sehr gespannt, ob sich die Autorin weiterentwickelt hatte, denn wirklich gut fand ich "Spreewaldgrab" damals nicht. Das Titelbild zeigt eine typische Spreewaldbrücke und vermittelt dadurch allerdings sofort den richtigen Einstieg in diese beeindruckende Landschaft.

Auf einer Insel im Gewirr der Fließe wird ein junger Mann gefunden, der niedergeschlagen wurde. Wenig später findet man einen Obdachlosen tot auf, auch er wurde mit einem Holzscheit umgebracht. Klaudia Wagner, die aus dem Ruhrgebiet in den Spreewald gezogen ist, kommt einer uralten Familienfehde auf die Spur.

Zwar bemüht sich die Autorin um das richtige Spreewaldflair und das gelingt ihr auch über weite Strecken. Nur ist der Aufbau des Krimis sehr verwirrend, die Personen und Zeiten purzeln durcheinander und ich kam bis zum Schluss damit leider nicht wirklich klar. Über weite Strecken ist das Buch wenig spannend und auch die Auflösung plätschert dahin. Auch gibt es zahlreiche Verweise auf die beiden vorigen Bücher und wenn man diese nicht präsent oder nicht gelesen hat, dann versteht man viele Zusammenhänge nicht. Am Ende gibt es wieder so einen Cliffhanger und das mag ich gar nicht. Man fühlt sich genötigt.

Deshalb kann ich das Buch nicht uneingeschränkt empfehlen.

Autor: Mathildis | Datum: 05.04.2018

Was für ein schönes Buch! Der Einband ist wunderbar schlicht in dezenten Farben, mit Stoffrücken und innen liegt ein hübsches Lesebändchen.

Aber zum Inhalt! Die neunjährige Robin wächst behütet in Johannesburg auf, ihr Vater arbeitet in einer Goldmine. Am Tag des Aufstandes in Soweto 1976 werden Robins Eltern von Schwarzen ermordet und sie kommt zu ihrer Tante Edith, die als Stewardess in der ganzen Welt unterwegs ist.

Zur gleichen Zeit lebt die schwarze Frau Beauty in ihrem Homeland Transkei. Von dort bricht sie nach Soweto auf, um ihre Tochter zu suchen, die dort zur Schule geht. Beauty gerät in die Aufstände hinein, kann aber fliehen, doch ihre Tochter ist verschwunden. Um in Johannesburg bleiben zu können, sucht sie Arbeit und wird so das Kindermädchen von Robin. Heimlich sucht sie weiter nach ihrer Tochter. Robin und Beauty finden nach ersten Problemen Gefallen aneinander, Robin klammert sich an ihre Betreuerin. Doch dann kommt eine schwere Bewährungsprobe für Robin und sie versaut es.

Das Buch schildert sehr fesselnd die Apartheidszeit in Südafrika. Der ganze Irrsinn einer Trennung von schwarz und weiß wird sehr nachvollziehbar beschrieben. So dürfen Schwarze und Weiße nicht dieselben Toiletten benutzen, die Schwarzen dürfen nicht in den Häusern der Weißen wohnen, sondern in eigenen Hütten oder gleich in den Townships.

Auch die Zeichnung der beiden Hauptfiguren ist liebevoll und dicht. Manchmal wirkt die Fülle an Problemen, die in dieses Buch gepackt ist, etwas zu viel, aber trotzdem ist das Buch spannend und sehr gut lesbar.

Mich hat das Buch sehr berührt, denn es zeigt deutlich, dass wir alle Menschen sind, egal welcher Hautfarbe, Religion oder Weltanschauung. Darin ist das Buch zutiefst human und das darauf kann man gerade heute nicht oft genug hinweisen.

Also unbedingt lesen!