Buchtipps

Autor: Mathildis | Datum: 18.05.2018

Den ersten Spreewaldkrimi der Autorin habe ich vor einiger Zeit gelesen und war sehr gespannt, ob sich die Autorin weiterentwickelt hatte, denn wirklich gut fand ich "Spreewaldgrab" damals nicht. Das Titelbild zeigt eine typische Spreewaldbrücke und vermittelt dadurch allerdings sofort den richtigen Einstieg in diese beeindruckende Landschaft.

Auf einer Insel im Gewirr der Fließe wird ein junger Mann gefunden, der niedergeschlagen wurde. Wenig später findet man einen Obdachlosen tot auf, auch er wurde mit einem Holzscheit umgebracht. Klaudia Wagner, die aus dem Ruhrgebiet in den Spreewald gezogen ist, kommt einer uralten Familienfehde auf die Spur.

Zwar bemüht sich die Autorin um das richtige Spreewaldflair und das gelingt ihr auch über weite Strecken. Nur ist der Aufbau des Krimis sehr verwirrend, die Personen und Zeiten purzeln durcheinander und ich kam bis zum Schluss damit leider nicht wirklich klar. Über weite Strecken ist das Buch wenig spannend und auch die Auflösung plätschert dahin. Auch gibt es zahlreiche Verweise auf die beiden vorigen Bücher und wenn man diese nicht präsent oder nicht gelesen hat, dann versteht man viele Zusammenhänge nicht. Am Ende gibt es wieder so einen Cliffhanger und das mag ich gar nicht. Man fühlt sich genötigt.

Deshalb kann ich das Buch nicht uneingeschränkt empfehlen.

Autor: Mathildis | Datum: 05.04.2018

Was für ein schönes Buch! Der Einband ist wunderbar schlicht in dezenten Farben, mit Stoffrücken und innen liegt ein hübsches Lesebändchen.

Aber zum Inhalt! Die neunjährige Robin wächst behütet in Johannesburg auf, ihr Vater arbeitet in einer Goldmine. Am Tag des Aufstandes in Soweto 1976 werden Robins Eltern von Schwarzen ermordet und sie kommt zu ihrer Tante Edith, die als Stewardess in der ganzen Welt unterwegs ist.

Zur gleichen Zeit lebt die schwarze Frau Beauty in ihrem Homeland Transkei. Von dort bricht sie nach Soweto auf, um ihre Tochter zu suchen, die dort zur Schule geht. Beauty gerät in die Aufstände hinein, kann aber fliehen, doch ihre Tochter ist verschwunden. Um in Johannesburg bleiben zu können, sucht sie Arbeit und wird so das Kindermädchen von Robin. Heimlich sucht sie weiter nach ihrer Tochter. Robin und Beauty finden nach ersten Problemen Gefallen aneinander, Robin klammert sich an ihre Betreuerin. Doch dann kommt eine schwere Bewährungsprobe für Robin und sie versaut es.

Das Buch schildert sehr fesselnd die Apartheidszeit in Südafrika. Der ganze Irrsinn einer Trennung von schwarz und weiß wird sehr nachvollziehbar beschrieben. So dürfen Schwarze und Weiße nicht dieselben Toiletten benutzen, die Schwarzen dürfen nicht in den Häusern der Weißen wohnen, sondern in eigenen Hütten oder gleich in den Townships.

Auch die Zeichnung der beiden Hauptfiguren ist liebevoll und dicht. Manchmal wirkt die Fülle an Problemen, die in dieses Buch gepackt ist, etwas zu viel, aber trotzdem ist das Buch spannend und sehr gut lesbar.

Mich hat das Buch sehr berührt, denn es zeigt deutlich, dass wir alle Menschen sind, egal welcher Hautfarbe, Religion oder Weltanschauung. Darin ist das Buch zutiefst human und das darauf kann man gerade heute nicht oft genug hinweisen.

Also unbedingt lesen!

Autor: Paul | Datum: 26.03.2018

Eine eindringliche Geschichte!

Zwei ineinander verwobene Geschichten werden erzählt. Die erste ist im Jahr 2017 angesiedelt und erzählt von der Umweltaktivistin Signe, die sich auf ihrem Segelboot "Blau" von Norwegen aus auf den Weg nach Frankreich macht, um ihren Jugendfreund Magnus wegen seiner Umweltsünden in Bezug auf die norwegischen Gletscher zur Rede zu stellen.

Die zweite Geschichte spielt 2041. Eine große Dürre herrscht. Flüsse trocknen aus. Der 25-jährige David mit seiner Tochter Lou flieht in den Norden Frankreichs, weil es da noch mehr Wasser geben soll. Sie kommen vorübergehend in einem Lager unter. In der Nähe des Lagers finden sie ein Boot. Es stellt sich heraus, dass es die "Blau" ist. Mit ihr wollen sie zum Meer fahren. Sie warten auf den Regen, der den Fluss wieder füllen wird. Wird der lang ersehnte Regen kommen?

Maja Lunde erzählt die Geschichten zugleich souverän und einfühlsam. Die Charaktere werden gut dargestellt. Dabei benutzt sie nicht langatmige Beschreibungen und Charakterisierungen, die auch deshalb nicht möglich sind, weil die beiden Hauptpersonen Signe und David jeweils in Ich-Form erzählen. Die Personen werden mehr durch ihr Handeln charakterisiert.

Lunde versteht es, die beiden Geschichten abwechselnd zu erzählen und dabei trotzdem keine Verwirrung beim Leser zu bewirken. Das wird einerseits durch die Kapitelüberschriften gewährleistet, wodurch man immer sofort weiß, ob es um Signe oder David geht. Aber auch inhaltlich und stilistisch schafft sie es, dass man sich beim Wechsel eines Kapitels sofort in der betreffenden Geschichte und der betreffenden Zeit zurecht findet.

Das Buch ist leicht zu lesen. Es ist in Romanform eine eindringliche aber nicht aufdringliche Mahnung zum Schutz der Umwelt. 

 

Autor: Mathildis | Datum: 21.03.2018

Ein Fantasy-Roman mit Magie, einer Drachin, Kobolden und einem Ritter aus der Artusrunde von einem Literaturnobelpreisträger? Das ist auf den ersten Blick ungewöhnlich. und wirklich ungewöhnlich ist auch dieses Buch.

Die beiden alten Menschen Beatrice und Axl leben in einem britannischen Dorf des 5. Jahrhunderts. Die Römer sind längst abgezogen und haben nur einige verfallene Bauten hinterlassen, Sachsen und Britannier haben einen Krieg gegeneinander geführt und das Land zerstört. Doch nun ist Frieden eingekehrt, das Vergessen der Vergangenheit liegt wie ein Nebel über dem Land. Als Beatrice und Axl aus ihrem Dorf verstoßen werden, machen sie sich auf die Suche nach ihrem Sohn, den sie schon lange nicht mehr gesehen haben und von dem sie auch nicht wissen, ob und wo er lebt. Irgendwo im Osten, heißt es. Unterwegs begegnen sie verschiedenen Personen und ziehen schließlich mit dem jungen Edwin und dem Krieger Wistan weiter nach Osten.

Der Roman hat mehrere Ebenen, die sehr geschickt ineinander verwoben sind. Da ist zuerst einmal die Fantasygeschichte, die recht spannend ist. Auf einer anderen Ebene geht es um den Umgang mit der Geschichte. Was darf, was muss man vergessen, um mit anderen Menschen in Frieden zusammenleben zu können? Wo ist die Grenze zum Verdrängen, bei dem die schlimmen Erfahrungen nur weggesperrt werden und irgendwann umso schlimmer an die Oberfläche drängen? Ist es eine Gnade vergessen zu können? Aus diesen Überlegungen resultiert auch der Titel des Buches, denn der begrabene Riese ist der Bürgerkrieg, der vor einigen Jahren das Land verwüstete und nun wie ein Phantom das Handeln der Menschen beeinflusst. Wird der Riese eines Tages auferstehen und neue Verwüstungen anrichten? Auf einer dritten Ebene geht es um die Liebe zwischen den beiden alten Menschen. Kann auch Liebe nur existieren, wenn man vergisst? Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist? Das Schlusskapitel - das hier nicht verraten werden soll - ist ein ganz großes und bewegendes Stück Literatur.

Das Buch ist heute so aktuell wie im fiktiven 5. Jahrhundert, denn Ishiguro stellt universelle Fragen, die uns Menschen auch heute betreffen. Dabei schreibt Ishiguro in einer etwas altertümlichen Sprache, die sehr gut zum Inhalt passt. Das Buch ist nicht immer einfach zu lesen, kein Schmöker, den man mal eben so weg liest, aber die Mühe lohnt sich.

Autor: Paul | Datum: 15.03.2018

So kennen Sie Goethe und Schiller normalerweise nicht. Auf den Spuren eines Verbrechers. In Frankfurt gehen merkwürdige Dinge vor sich. Mehl spielt dabei eine wichtige Rolle. Boten zu deutschen Garnisonsstädten werden ausgesandt. Aber von wem? Zwei Stadträte wurden ermordet. Goethe und Schiller versuchen das Rätsel zu lösen. Dabei geraten sie mehrfach in arge Bedrängnis. Und Goethe? Hat er sich etwa in die Baronin verguckt?

Ein amüsanter und ungewöhnlicher Krimi. Stefan Lehnberg versucht auch vom Stil her der damaligen Zeit nahe zu kommen. Man gewöhnt sich rasch daran, dass das "i" zugunsten des "y" zurückstehen muss. Es heißt z.B. nicht "bei" sondern "bey".

Lehnberg lässt Schiller von den Abenteuern erzählen. Dabei sind die mehr oder weniger deutlichen Seitenhiebe auf Goethe sehr lustig. Man muss sich natürlich umstellen. Es gibt keine modernen Kommunikationsmittel sondern Boten zu Fuß oder zu Pferde und keine Autos sondern Kutschen.

Mal ein anderer Krimi als gewohnt. Ein empfehlenswertes Buch.

Autor: Mathildis | Datum: 06.03.2018

Kent Haruf hat ja schon mit "Unsere Seelen bei Nacht" einen großen Erfolg erzielt.Leider ist er 2014 verstorben.  "Lied der Weite" kam erst posthum neu in Deutschland auf den Markt, obwohl das Buch in den USA schon verfilmt wurde.

Das Buch spielt wieder in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, weit abseits der Metropolen, die Kleinstadt und einzelne Farmen prägen das Landschaftsbild, es ist nicht viel los. Da erregt es schon Aufsehen, dass die siebzehnjährige Victoria schwanger wird und keinen Vater vorweisen kann. Als ihre Mutter sie aus dem Haus wirft, kommt sie zuerst bei einer Lehrerin unter, dann vermittelt diese das Mädchen an die alten Brüder McPheron, die allein auf einer Farm mitten im Nirgendwo leben. Nach anfänglichen Schwierigkeiten lebt sich Victoria gut ein, doch dann taucht der Vater des Babys auf.

Die Geschichte mäandert zwischen verschiedenen Hauptpersonen, neben den Brüdern und Victoria spielen auch der Lehrer Guthrie und seine beiden kleinen Söhne eine Hauptrolle. Das Buch besticht durch seine wundervolle, ruhige und manchmal poetische Sprache. Trotzdem kann es manchmal auch grausam sein, wenn z.B. ein Pferd eingeschläfert werden muss. Haruf schildert aber auch absurde Situationen, die zum Lachen bringen.

Dem Autor gelingt es überzeugend dem Leser die Menschen in Holt nahe zu bringen, ohne dass er die erzählerische Distanz verliert. Das Buch ist sehr berührend, einfühlsam und von großer Tiefe.

Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen.

Autor: Mathildis | Datum: 28.02.2018

Tom Babylon ist Ermittler in Berlin und als eines Sonntags morgens die tote Dompfarrerin in der Kuppel des Berliner Doms aufgehängt gefunden wird, ist er als Erster am Tatort. Die Tote trägt einen geheimnisvollen Schlüssel um den Hals, den Schlüssel, den Babylons Schwester bei sich trug, als sie vor Jahren spurlos verschwand. Eigentlich müsste Babylon sich aus den Ermittlungen zurückziehen, aber das schafft er nicht, sondern ermittelt heimlich weiter. Dabei hilft ihm die Psychologin Sita Johanns, die auch ihr Päckchen zu tragen hat.

Das Buch ist gut lesbar geschrieben und auch durchaus spannend. Die beiden Hauptpersonen Tom und Sita handeln zwar oft widersinnig und unvorsichtig und Tom schrammt dicht am Rande einer Psychose entlang, aber das alles liest sich gut und nachvollziehbar. Auch das Umfeld in der untergegangenen DDR ist sehr anschaulich geschildert.

Wenn da nicht der unbefriedigende Schluss wäre! Ich will nicht zu viel verraten. Aber plötzlich tauchen am Ende noch alte Stasiverbindungen auf, einige Fäden verlieren sich im Nichts, alles ist ziemlich chaotisch, das geht einfach nicht. Man hat den Eindruck, als solle man gezwungen werden, auch das nächste Buch zu lesen, aber das liebe ich gar nicht.

Autor: Paul | Datum: 19.02.2018

Ich habe 4 von 5 Sternen vergeben!

Stilistisch einwandfrei

Kriminalreporterin Ellen Tamm soll sich in ihrem Heimatort von den schweren Depressionen, die sie vom letzten Fall, mit dem sie befasst war, bekommen hat, erholen. Doch, wie das bei den Hauptpersonen in Kriminalromanen so üblich ist, geschieht in diesem Ort natürlich ein Mord. Niemand scheint zunächst die ermordete Frau zu kennen. Ellens Kollegen und auch die Polizei wollen den Fall offensichtlich schnell ablegen. Aber Ellen ermittelt. Dabei lichtet sich auch langsam das Dunkel über den Tod ihrer Schwester, die mit 8 Jahren ertrunken ist, und an deren Tod Ellen sich die Schuld gibt.

Der Text ist leicht lesbar. Man kann ihn bequem an 3 bis 4 Abenden herunter lesen. Michaela Bley setzt über die einzelnen Abschnitte jeweils den Namen der Person, die in diesem Abschnitt die Hauptrolle spielt. Das sind jeweils Frauen. Männer spielen quasi nur Nebenrollen. Ich hätte mir etwas mehr Empathie der Autorin mit ihren Figuren gewünscht. Sie bleibt relativ unbeteiligt und beschreibt meist wie eine Art Protokollführerin. Wenn schon die einzelnen Abschnitte jeweils einer Figur gewidmet sind, hätte diese Figur dann eigentlich auch als Ich-Erzählerin auftauchen können.

Der Band ist jedenfalls in sich abgeschlossen. Obwohl es der zweite Band einer Reihe ist, findet man sich recht leicht zurecht, auch wenn man den ersten Band nicht gelesen hat.

 

Autor: Mathildis | Datum: 19.02.2018

Das Ende der Neapel-Sage

Wegen Nino kehrt Elena nach Neapel zurück, doch sie zieht in eine vornehme Gegend, nicht in den Rione. Zuerst scheint sich alle zum Guten zuwenden, auch wenn Nino sich nicht von seiner Frau trennen will. Aber dann entdeckt Elena, dass ihr Geliebter sie fortwährend betrügt und wirft ihn aus der Wohnung. Allein mit den drei Kindern kann sie sich nicht dem Schreiben widmen und so sucht sie eine einfache Wohnung im Rione. Sie zieht in das Haus, in dem auch Lila und Enzo wohnen, aber ein Stockwerk höher. Die beiden Freundinnen kommen sich wieder näher und helfen sich gegenseitig. Doch dann verschwindet Lilas vierjährige Tochter Tina plötzlich spurlos und das wirft Lila vollkommen aus der Bahn. Ein langer Prozess der Entfremdung setzt ein.

Schon das Titelbild lässt auf die Entfremdung der beiden Frauen schließen, sie stehen steif nebeneinander vor der Kulisse des Vesuvs. Aber auch innerlich haben sie sich immer weiter voneinander entfernt, da Lila ihr Aggressionen und ihre Unstetigkeit nicht in den Griff bekommt und Elena in besseren Kreisen verkehrt und nicht ohne Dünkel ist.

Im Grunde sind aber beide Frauen wie zwei Seiten einer Medaille. Man sieht, was man mit Ehrgeiz, etwas Glück und starkem Willen erreichen kann, aber auch, wie leicht man alles verspielt.

Wir auch schon in den Vorgängerbüchern beeindruckt Elena Ferrante durch ihre genaue und bildhafte Sprache, man kommt den Protagonistinnen sehr nahe. Die Lebensumstände in den 1970er und 1980er Jahren sind sehr gut nachzuvollziehen, obwohl man manchmal nicht verstehen kann, warum sich die Frauen an nichtsnutzige Männer hängen und aus unserer Perspektive zu erwarten ist, dass die Beziehungen schief gehen. Aber das Buch zwingt zur Auseinandersetzung mit den Frauenschicksalen, die typisch sind für die Zeit, in denen sie gelebt haben.

Das Ende hat mich nicht ganz zufriedengestellt, insgesamt ist es jedoch ein würdiger Abschluss der Neapel-Geschichte von Elena Ferrante.

 

Autor: Paul | Datum: 01.02.2018

Paul meint: Viel kann auch zu viel sein.

Drei zeitliche Ebenen ziehen sich durch das Buch. Das Heute, wo ein vierjähriges Mädchen umgebracht wird. Die Zeit vor dreißig Jahren, als schon mal ein vierjähriges Mädchen umgebracht wurde. Dazu lebten beide Opfer auf demselben Bauernhof. Damals hatten sich zunächst zwei 13 Jahre alte Mädchen zur Tat bekannt, ihr Geständnis später aber widerrufen. Die dritte Zeitebene spielt vor dreihundert Jahren. Dabei geht es um Hexenverfolgung. Daher dann auch der Titel des Buches.

Diese dritte Ebene hätte ganz weggelassen werden können. Sie steht mit dem anderen Inhalt des Buches überhaupt nicht in Verbindung. Erst im Epilog wird krampfhaft versucht eine Verbindung zu konstruieren. Ich habe nach einiger Zeit, als ich merkte, dass es sich um eine quasi eigenständige Geschichte handelt, diese Teile nacheinander bis ans Ende des Buches gelesen. Ich habe den Eindruck Camilla Läckberg hat diese Geschichte, die sie vielleicht irgendwie herumliegen hatte, auf diese Weise verwertet.

Es ist nicht nur diese alte Zeitebene, die meiner Ansicht nach zu viel ist. Gleich auf den ersten Seiten wird man von einer Vielzahl von handelnden Personen gleichsam erschlagen. Ich musste mehrfach zurückblättern, um zu schauen, wer ist das denn eigentlich. Erst so etwa ab der Hälfte des Buches gewann ich dann langsam einen Überblick. Es wäre besser gewesen, wenn die Personen behutsamer eingeführt würden. Auch wäre vielleicht so was wie eine Namensübersicht im Anhang ganz nützlich.

Zu viel ist meiner Ansicht nach in das Buch auch bei der Handlung, die im Heute spielt, hineingepackt worden. Da sind die Flüchtlinge, der aufkommende Rechtsradikalismus, da ist der Segelkurs, eine Hochzeit mit Überraschung, die alternde Schauspielerin, ein homosexuelles Paar und ein lesbisches Paar, der dominante Vater, die duckmäuserische  Mutter, Mobbing durch Schülerinnen und Schüler,... Muss denn alles hineingepackt werden? Etwas Verschlankung hätte dem Buch gut getan.

Camilla Läckberg kann schreiben. Wenn man die Durststrecke am Anfang überwunden hat, liest sich das Buch ganz angenehm. Ich empfehle, die Abschnitte, die mit "Bohuslän xxxx" überschrieben sind, einfach auszulassen. Sie verwirren nur und haben mit dem Kriminalfall bzw. den Kriminalfällen nichts zu tun.

Autor: Mathildis | Datum: 29.01.2018

Auch wenn dieses Buch nicht unbedingt das beste von Bernhard Schlink („Der Vorleser“) ist, so hat es mir doch gut gefallen.

Olga, die Hauptperson der Geschichte, wächst in ärmlichen Verhältnissen auf und schafft es doch allen Widrigkeiten zum Trotz Lehrerin zu werden. Sie liebt Herbert, einen Jungen aus gutem Haus, dessen Familie sich vehement gegen die Verbindung stellt. Und auch Herbert bekennt sich nicht öffentlich zu Olga. Viel lieber geht er auf Abenteuerfahrten, nach Deutsch-Südwest, nach Karelien und schließlich in die Arktis, vor dort kehrt er nicht zurück.

Das Buch gliedert sich in drei Teile: einmal die Geschichte Olgas, dann ihre Freundschaft mit dem jungen Ferdinand, der viel über die Frau erfährt und zuletzt die Briefe, die Olga Herbert nach Tromso geschrieben hat und die einige Dinge erklären, die vorher rätselhaft geblieben sind.

Das ist eine sehr geschickte Einteilung, denn sie macht das Buch lebendig und zum Schluss wird es auch noch ziemlich spannend.

Besonders gut hat mir die Schilderung eines typischen Frauenlebens im 20. Jahrhundert gefallen. Olga erlebt viele Höhen und Tiefen, dich mit unglaublicher Langmut nimmt sie ihr Schicksal an, wie es viele Frauen während der beiden Weltkriege und danach getan haben.

Schlink schreibt routiniert und sprachgewaltig, manchmal hart, manchmal poetisch, doch hat das Buch einige Längen.

Trotzdem fand ich es angenehm zu lesen und kann es empfehlen.

Autor: Mathildis | Datum: 12.01.2018

Peter Wohlleben hat mit seinen Naturbüchern den Sachbuch-Überraschungserfolg der vergangenen Jahre geliefert. Der Förster, der eine Waldakademie in der Eifel leitet, fasziniert die Menschen mit seinen fundierten Naturkenntnissen und - das ist sein ganz großes Plus - er kann sein Wissen verständlich für die Leser an den Mann und an die Frau bringen.

Wie schon in den beiden Vorgängerbänden lockt er die Leser erst einmal mit "süßen" Bilden auf dem Cover, hier mit einem niedlichen Frischling und einem Marienkäfer. Doch in dem Buch geht es dann zur Sache. Wir erfahren viel über die Beziehungen zwischen Tieren und Pflanzen, über die Rolle von Pilzen und Bakterien und über die Folgen, die das menschliche Handeln auf unser Ökosystem hat.

Seine Thesen sind sicherlich nicht unumstritten, z.B. was die Rückkehr des Wolfes angeht, aber er begründet seine Meinung immer detailliert und regt so zu Diskussionen an. Auch kritisiert er immer wieder Jäger und Waldbesitzer wegen ihres Verhaltens, das provoziert natürlich Konflikte.

Insgesamt aber sieht man die Natur nach der Lektüre des Buches mit anderen Augen. Dabei macht das Lesen auch noch Spaß, denn von so einem lesenswerten Autoren lässt man sich gern in das geheime Leben der Natur entführen. Beim nächsten Waldspaziergang ist man sicherlich aufmerksamer und sieht Zusammenhänge, die einem vorher nicht klar waren.

Autor: Paul | Datum: 09.01.2018

Hier kommt unser "Buchtipp der Woche" von Paul. Er hat von Jonas Moström "Dominotod" gelesen und bewertet:

Ein Mord an einem Arzt. Ein zweiter Arzt verschwindet spurlos. Beide Male wird ein Dominospielstein gefunden. Ein Serienmörder ist offensichtlich am Werk. Aber was haben die Dominosteine zu bedeuten? Phychiaterin Nathalie Svensson versucht den Fall zusammen mit Kommissar Johan Axberg zu lösen. Ist Nathalies Schwester eventuell tief in den Fall verwickelt? Und welche weiteren Opfer sind zu befürchten?

Jonas Moström hat eine ganze Menge Personen, die im Buch eine Rolle spielen. Aber er schafft es, diese Personen so einführen, dass der Leser trotz der Vielzahl nicht verwirrt wird.

Der Leser wird auf andere Weise verwirrt, nämlich dadurch, dass er immer wieder vom Autor in die Irre geführt wird. Gerade hat man sich auf einen bestimmten Verdacht eingelassen, da wird schon wieder eine andere Person verdächtig. Aber das ist ja legitim in einem Krimi, ja es ist sogar geboten.

Das Buch ist leicht zu lesen. Eine angenehme Abendlektüre.

Autor: Mathildis | Datum: 20.12.2017

Mathildis meint dazu:

Ich gebe zu, dass ich mich bei diesem Buch nicht ganz entscheiden kann, ob ich es gut finde. Nachdem mich "Unterleuten" wirklich begeistert hat, löst dieses Buch widersprüchliche Gefühle bei mir aus.

Britta betreibt mit ihrem Geschäftspartner Babak eine Agentur namens "Die Brücke", die sich mit Männern beschäftigt, die Selbstmord begehen wollen. Einige werden "geheilt", aber einige vermittelt die Brücke an Organisationen, für die diese Menschen Selbstmordattentate begehen, damit es ein möglichst großes Presseecho gibt. Das ist zynisch, aber Britta und Babak sehen das Ganze sehr pragmatisch - und sie werden reich damit.

Als plötzlich eine ähnliche Organisation auf dem Markt auftaucht, werden die beiden nervös, denn Konkurrenz kennen sie bisher nicht. Doch dann ergibt sich die Gelegenheit zu einem großen Coup.

Das Buch spielt in der nahen Zukunft, Merkel ist abgesetzt und eine faschistische Partei namens BBB (Bewegung besorgter Bürger) schafft nach und nach das Grundgesetz ab. Natürlich denkt man an eine ganz bestimmt Partei bei einem solchen Szenario und der politische Hintergrund des Buches ist sehr aktuell. Man fragt sich unwillkürlich: "Was wäre, wenn...?"

Trotzdem wurde ich mit dem Buch nicht wirklich warm, dazu sind mir die Hauptfiguren zu fern. Sie leben in einer Welt, die ich nicht verstehen kann und will.

Juli Zeh schreibt wieder einmal ganz hervorragend, präzise und wortgewandt, doch es bleibt bei mir ein schales Gefühl, zumal das Ende viele offene Fragen zurücklässt.

Autor: Mathildis | Datum: 06.12.2017

Die Bücher von Daniel Kehlmann werden immer mit großer Spannung erwartet, nach "Die Entdeckung der Welt" zählt er zu den deutschen Topautoren. Nachdem mich seine letzten Bücher nicht überzeugen konnten, hat er nun wieder ein großartiges Buch geschrieben.

In "Tyll" geht es um den Menschen, den wir als Till Eulenspiegel zu kennen meinen: der lustige Spaßmacher, dessen Figur schalkhaft lachend vor der Möllner Nikolaikirche sitzt, dessen Geschichte vielfach in Lesebüchern erzählt und sogar vertont wurde. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit!

Kehlmann legt in dichterischer Freiheit das Leben des Tyll vom 14. ins 17. Jahrhundert, in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Das Buch ist in einzelne Episoden aufgeteilt, die durch die Figur des Tyll zusammengehalten werden.

Die Menschen leiden unter den Grausamkeiten des Krieges, ein Leben ist nichts wert. Tylls Vater wird als Hexer verurteilt und aufgehängt, seine Mutter muss sich allein durchschlagen. Tyll zieht derweil mit fahrendem Volk durch die Lande und erlernt alle Tricks und Kniffe, um auf der Straße als Geächteter zu überleben. Schließlich kommt er als Hofnarr zu dem abgesetzten "Winterkönig" Friedrich von der Pfalz, dessen Griff nach der böhmischen Königswürde den Dreißigjährigen Krieg auslöste.

Das Buch ist nicht linear erzählt, sondern springt in einzelnen Episoden munter durch die Zeiten. Das macht das Lesen nicht ganz einfach, ebenso wie die Vielzahl von erfundenen und historischen Personen, die immer wieder auftauchen und nur durch den Bezug zu Tyll zusammengehalten werden.

Trotzdem beeindruckt das Buch durch seine sprachliche Kraft und seine große Fabulierkunst. Hier stimmen Hauptperson und Erzählstil in einem großen Maß überein, ohne künstlich zu wirken. Man kommt ganz nah an die handelnden Menschen heran, das ist manchmal brutal und grausam, manchmal aber auch zu Herzen gehend.

Ein unbedingt lesenswertes Buch für anspruchsvolle Buchfreunde!

Autor: Paul | Datum: 29.11.2017

Ab jetzt bekommt ihr mehr oder weniger regelmäßig einen Buchtipp von Paul oder Mathildis Schmitz.

Es geht los mit Paul. Hier seine Besprechung von Håkan Nessers „Der Fall Kallmann“:

Kallmann, merkwürdiger Typ. Wurde er nun ermordet? Oder war es ein Unfall? Merkwürdige Tagebücher spielen eine große Rolle. Ein Privatschnüfflertrio, bestehend aus drei Lehrern der Gesamtschule in K., macht sich an die Lösung des Falls. Dabei spielt Charlie, ein genialer Schüler an der Bergtune Schule in K., der den toten Kallmann fand, eine Schlüsselrolle. Findet der Fall Kallman eine Lösung, wenn man zwei Generationen in die Vergangenheit geht? Wer ist Kallmann wirklich? Und was hat Charlies Mutter, die Künstlerin, mit dem Ganzen tun?

Nesser hält das ganze Buch über bis zur einigermaßen überraschenden Lösung eine subtile Spannung aufrecht. Das Buch ist kein Reißer, kein Thriller, einfach ein Roman. Im Buch spielen nicht nur Kallmanns Tagebücher eine wichtige Rolle. Das ganze Buch ist in einer Art Tagebuchform geschrieben. Dabei wechseln die fiktiven Tagebuchschreiber von Kapitel zu Kapitel. Sehr gut gelingt in den einzelnen Kapiteln jeweils der Übergang von der rein beschreibenden Form zu den Dialogen. Zu Beginn der einzelnen Kapitel ist man als Leser gezwungen, sich erst mal neu zu orientieren. Wer "schreibt" denn jetzt das nächste Kapitel? Durch diese Form des Buches bleibt der Autor quasi unbeteiligt im Hintergrund.

Wer keinen reißerischen Krimi sucht sondern einen soliden Roman, ist mit diesem Buch gut bedient.