Buchtipps

Autor: Mathildis | Datum: 19.09.2018
Mathildis

Als Benedict Wells vor vier Jahren bei „Kultur rockt“ im Pferdestall von Dörnholthausen zu Gast war und sein Buch „Becks letzter Sommer“ vorstellte, kannten ihn nur Insider. Trotzdem beeindruckte er damals schon mit seiner feinen und sensiblen Sprache. Nun hat er einen Kurzgeschichtenband mit zehn Geschichten aus zehn Jahren vorgelegt. Darunter sind zwei, die mit seinem Bestseller "Vom Ende der Einsamkeit" in Verbindung stehen, aber unabhängig davon zu lesen sind.

Die Kurzgeschichte ist ja bekanntlich die Königsdisziplin der Literatur und Alice Munro bekam vor einigen Jahren für ihre Kurzgeschichten den Literaturnobelpreis. Es ist große Kunst, wenn ein Schriftsteller einen ganzen Kosmos in einer so komprimierten Form auf das Papier bringen kann und sich vor dem Leser eine große Geschichte entwickelt.

Eigentlich ist es keine Überraschung: Benedict Wells kann auch Kurzgeschichten schreiben. Sie sind vielseitig und vielschichtig. Traurige Geschichten wie "Die Wanderung" über ein verpasstes Leben, biografische Erinnerungen an "Das Grundschulheim" oder skurrile Erlebnisse wie "Ping Pong" lesen sich zwar leicht, aber sie hinterlassen großen Eindruck. Besonders die Geschichte "Das Franchise" hat mich mit ihrer auf die Spitze getriebenen Absurdität beeindruckt.

Wells' Themen sind immer wieder Einsamkeit, Sprachlosigkeit und die entscheidenden Momente im Leben, die nicht wiederkommen.

Es erstaunt mich immer wieder, mit welcher Sprachmacht dieser junge Schriftsteller seine Bücher zu Papier bringt. Er ist schon lange kein "Talent" mehr, sondern ein reifer Autor, von dem noch viel zu erwarten ist.

Autor: Paul | Datum: 12.09.2018
Paul

Ein ungewöhnlicher Kriminalroman

Hamburg und Bremen als Orte der Handlung, ein Familien-Clan in Bremen, eine Versicherungsbüro in Hamburg die zentralen Punkte, die in diesem Krimi eine Rolle spielen. Nouri Saroukan, ein ehemaliger Student und jetzt Versicherungsangestellter, der von seinem Familien-Clan verstoßen wurde und Aliza seine Freundin aus einem anderen Familien-Clan, also quasi eine Romeo und Julia Konstellation, sind die zentralen Figuren. Auf der Seite des Rechts die Staatsanwältin Chastity Riley und Kollegen von der Kripo. Ein Tod in einem brennenden Auto. Aus all diesem Bausteinen bastelt Simone Buchholz einen ungewöhnlichen Krimi.

Sie schreibt in einem außergewöhnlichen Stil, einmal, was die Spannungskurve angeht. Es geht ihr dabei offensichtlich nicht um knisternde Hochspannung. Man hat an vielen Stellen den Eindruck, dass sie eine eindringliche Milieu Studie verfasst und der eigentliche Kriminalfall in den Hintergrund tritt. Dabei wird man als Leser von ihr mit Hilfe einer niedrigen aber beständigen Spannungskurve durch das Buch geführt.

Zum anderen ist der Stil an einigen Stellen gewöhnungsbedürftig. Man weiß manchmal gar nicht, worum es eigentlich geht. Manches wird später deutlich, manches bleibt rätselhaft. Dazu vielleicht ein Zitat von Seite 212: "Ein Stern fällt vom Himmel, und eine Möwe lacht sich kaputt, während in Mexiko, Argentinien und Brasilien die Straßen brennen." Alles klar?

Ein ungewohnter Krimi, aber, wenn man sich darauf einlässt, ein empfehlenswertes Buch.

Autor: Mathildis | Datum: 05.09.2018
Mathildis

Die beiden Brüder Philipp und Tobias wachsen während der Nachwendezeit in einem typischen Dorf in der Lausitz auf. Die Eltern haben ein Häuschen gebaut und zahlen es mit Mühe ab, beide gehen arbeiten und die Jungen gehen nach der Schule in den Hort. Durch die Wende sind in der Gegend viele Arbeitsplätze verschwunden und man schlägt sich so durch. Das Dorf ist trostlos und es ist nicht viel los. Hexenbrennen und Kirmes sind die Höhepunkte des Jahres.

Als der Neonazi Menzel im Dorf auftaucht, übt er eine große Faszination auf Philipp aus, endlich kommt Leben ins Dorf. Doch nach einigen "Aktionen" wendet er sich von Menzel ab, als er merkt, dass der auch keine echte Alternative zu bieten hat. Stattdessen lässt sich Tobias auf ihn ein und sie wollen etwas "gegen die Ausländer" unternehmen, die in die alte Schule einziehen sollen.

Das Buch zieht sich über einen Zeitraum von 17 Jahren, man begleitet die beiden Jungen von der Grundschulzeit bis ins Erwachsenenleben. Dabei wird deutlich, wie trostlos das Leben in der sächsischen Provinz ist. Die Eltern haben ihre eigenen Sorgen, nur die Großeltern interessieren sich wirklich für die Kinder. Perspektive oder Ehrgeiz sind nur in bescheidenen Ansätzen vorhanden. Einfache Lösungen sind in dieser Situation sehr verführerisch, bieten aber auch keine wirkliche Verbesserung.

Lukas Rietzschel beschreibt das alles sehr nüchtern und nicht wertend. Dadurch wird das Buch aber sehr eindringlich, denn die Schlussfolgerungen muss der Leser selbst ziehen.

Ich hatte manchmal Mühe weiterzulesen, weil so wenig passierte, aber das Dranbleiben lohnt sich.

Man erfährt viel über die Situation und die "bleierne Zeit" nach der Wende, als die Arbeitsplätze, die man kannte, verloren gingen und sich die Menschen in allen Lebensbereichen sehr schnell auf Neues einstellen mussten. Das war nicht immer leicht und die heutige politische Situation ist sicherlich auch dem Fehler geschuldet, dass man im Westen darauf zu wenig Rücksicht genommen hat. Das soll keine Entschuldigung für afd und Pegida sein, aber viele Menschen waren mit der Situation überfordert und suchen einfache Lösungen, auch wenn diese nicht zur Verbesserung der Lage beitragen.

Ein eindrucksvolles Buch und sehr politisch!

Autor: Pauk | Datum: 29.08.2018
Paul

Entlarvende Jugendgeschichte

Wie kann man durch Fälschen und Lügen Gutes tun? Eigentlich erst mal nicht so richtig, denkt man. Aber Benedikt Jäger, 16 Jahre und Schüler am Gymnasium in Weiden, macht es vor. Er muss fälschen - nämlich Zeugnisse und Klassenarbeiten - damit seine schlechten Leistungen vor allem in Mathematik und Physik zu Hause nicht auffallen. So erreicht er, dass seine Eltern der Meinung sind, dass ihr Sohn ein Klasse-Schüler in allen Fächern ist. Das könnte er natürlich auch sein, wenn er sich nicht zu sehr mit Tennisspielen beschäftigen würde und mit Abhängen im obskuren "Butterhof". Wie er - teilweise mit Hilfe seiner Freunde - damit durchkommt und trotz einiger Katastrophen alles zum positiven Ende kommt, ist herrlich zu lesen.

Thomas Klupp schreibt in der Ich-Form mit Benedikt als Erzähler und in erfrischender Jugend-Sprache. Viele kurze Sätze nacheinander sind seine Spezialität. Ein teilweise entlarvender Blick wird auf die Erwachsenenwelt in Gestalt der Eltern, der Lehrer oder Crystal-Mäx, als Vertreter der Weidener Unterwelt, geworfen.

Angenehm zu lesen. Auf jeden Fall empfehlenswert.

Autor: Mathildis | Datum: 22.08.2018
Mathildis

Deutschland 1991. Das Land ist wieder vereinigt und die Treuhand muss die Betriebe in der ehemaligen DDR verkaufen, um möglichst noch einige Arbeitsplätze zu erhalten. Das Interesse im In- und Ausland ist groß, aber die Käufer haben nicht immer gute Absichten.

Der Chef der Treuhand Hans-Georg Dahlmann steht unter gewaltigem Druck. Als er eine Freundin seiner Tochter als Persönliche Referentin einstellt, ahnt er nicht, dass die junge Frau der dritten Generation der RAF angehört und diese ein Attentat auf den "Volksfeind" plant. Dann wird auf Dahlmann geschossen.

Das Buch ist eine Art Doku-Fiktion, beruht auf Tatsachen rund um die Ermordung des Treuhandchefs Detlef Karsten Rohwedder und wurde sehr gut recherchiert. Es enthält aber auch viele fiktive Elemente und wird dadurch sehr spannend.

Der Mord an Rohwedder wurde nie aufgeklärt, obwohl man ein Haar des RAF-Terroristen Wolfgang Grams am Tatort fand. Daher sind die Spekulationen im Roman nicht von der Hand zu weisen. So könnte es gewesen sein, muss es aber nicht.

Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte wurden fast alle Namen verändert, nur der Bundeskanzler taucht mit echtem Namen auf. Wer die Zeit selbst erlebt hat, kann aber die Personen wie Birgit Hogefeld oder Wolfgang Schäuble schnell zuordnen.

Besonders gut hat mir an diesem Buch der rasante, präzise und manchmal zuspitzende Stil gefallen. Kurze Sätze, schnelle Schnitte, da merkt man, dass Georgi mit Spannung umgehen kann! Obwohl man am Anfang schon erfährt, wer das Attentat auf Dahlmann plant, bleibt das Buch spannend bis zuletzt.

Ein richtig guter Thriller, der seinen Namen verdient und einen verstörenden Blick auf ein wichtiges Stück deutscher Zeitgeschichte bietet!

Autor: Paul | Datum: 16.08.2018
Paul

Absurde satirisch, tragische Komödie

Merkwürdige Überschrift! Oder? Aber auch der Roman hat merkwürdige Züge. Ist er eine Tragödie, eine Satire oder Komödie? Die Antwort lautet: Ja! Alles drei! Christoper Wilson hat einen Roman geschrieben, bei dem man oft lachen muss, einem aber das Lachen auch oft im Halse stecken bleibt.

Aber zunächst zur Handlung: Juri, die Hauptperson, ist ein zwölfeinhalb Jahre alter Junge, der vor sechs Jahren von einem Milchwagen angefahren und durch die Luft geworfen wird, um dann anschließend noch von einer Straßenbahn überfahren zu werden. Das hat einige vor allem geistige Folgen für ihn. Er leidet an sozusagen furchtloser Impulsivität. Er sagt immer das, was er denkt. Das ist eigentlich im damaligen Russland unter Stalin nicht empfehlenswert. Aber weil er ein so vertrauenerweckendes Gesicht hat und als verrückt gilt, kommt er damit durch und wird in Stalins Datscha während dessen letzten Lebenswochen zu seinem Vorkoster.

Absurd ist die Situation oft. Aber so ist auch die menschenverachtende Haltung und Handlung der Regierenden. Man könnte sie ins Reich der Fiktion stellen, wenn man nicht wüsste, dass vieles davon real war.

Das Buch ist also eine absurde satirisch, tragische Komödie. Und wirklich lesenswert.

Das Buch erscheint am 16. August.

Autor: Mathildis | Datum: 08.08.2018
Mathildis

Bisher hatte ich schon einige Bücher von Karen Slaughter gelesen, die mir alle gut gefallen haben, aber dieses ist ihr bisher bestes. Es gehört zu keiner ihrer Krimireihen und fällt vom Thema und der Schreibweise etwas aus dem Rahmen ihrer bisherigen Veröffentlichungen. Aber genau das macht es so interessant.

Andrea und ihre Mutter Laura geraten in einem Einkaufszentrum in eine Schießerei und dabei gelingt es Laura den Attentäter zu überwältigen und zu töten. Damit setzt sie eine Lawine in Gang, die beide Frauen in große Gefahr bringt und Andrea muss fliehen. Seltsamerweise hat ihre Mutter diese Flucht schon vor langer Zeit akribisch vorbereitet. Hat Andrea Laura wirklich gekannt? Schatten der Vergangenheit tauchen auf...

Das Buch besteht aus zwei getrennten Erzählsträngen: sie spielen 2018 und 1986. Zuerst kann man nicht einordnen, wie beide zusammenhängen, doch dann erkennt man allmählich die Personen und kann sich einige Dinge zusammenreimen. Doch die Wahrheit erfährt man erst ganz am Schluss.

Das Buch ist hervorragend konzipiert und erstklassig geschrieben. Der Spannungsbogen fällt nie ab, es gibt keine Längen. Immer wieder bringen überraschende Wendungen neue Spannung. Auch ist das Thema sehr aktuell. Wie kann man Menschen manipulieren? Genügen etwas Charisma und kriminelle Energie?

Ein echter Pageturner und ein Muss für jeden Krimifan!

Autor: Paul | Datum: 25.07.2018
Paul

Schnipsel ergeben ein Ganzes.

Ein neuer Mankell? Ja und nein. Eigentlich ist es ein alter Mankell. 25 Jahre alt. Sein Debütroman. Aber er ist erst jetzt auf Deutsch erschienen. Eine schöne Rückschau also auf den ganz frühen Mankell, auf die Vor-Wallander-Zeit.

Worum geht es? 

Oskar Johansson wird als junger Sprengmeister bei einer Sprengung stark verletzt und überlebt wider Erwarten. Seine Freundin Elly trennt sich kurz danach von ihm. Oskar heiratet später ihre Schwester Elvira. Nach der Genesung nimmt Oskar seinen Beruf als Sprengmeister wieder auf. Er engagiert sich politisch, weil er an der Situation der Arbeiter etwas ändern will.

Ungewohnt ist die Schreibweise Mankells. Man hat den Eindruck, dass es da einen Haufen Zettel mit Notizen und Aufzeichnungen gegeben hat, die auch noch etwas zeitlich durcheinander geraten sind. Manche Zettel enthalten nur einen Satz, manche lange Texte. Diese Zettel sind dann hintereinander gefügt worden zu einem Buch. Man kann sich vorstellen, dass man da zunächst etwas verwirrt ist und sich zurecht finden muss. Wer erzählt da? Ist es der anonyme Erzähler? Sind es Oskars Äußerungen (immer unvermittelt, aber daran erkennbar, dass sie in wörtliche Rede gesetzt sind)? Um wen geht es? Um welche Zeit handelt es sich?

Das liest sich jetzt verwirrend. Ich dachte auch zu Beginn, wie soll man sich da durch finden. Aber nach ein paar Seiten ist das gar kein Problem mehr. Es ist überraschend, wie Mankell die Geschichte trotz aller Zeitsprünge durchsichtig entwickelt.

Als Fazit: Ein interessanter Rückgriff auf Mankells Anfänge. Es äußert sich selbst dazu im Nachwort. Leicht zu lesen. Angenehme Lektüre mit ernstem Hintergrund.

Autor: Mathildis | Datum: 17.07.2018
Mathildis

In Zeiten, in denen ein amerikanischer Präsident sich rühmt jeder Frau an die "Pussy" fassen zu dürfen, ist ein Buch über Feminismus hochaktuell.

Die junge Greer ist unsicher und schüchtern, als sie der Frauenrechtlerin Faith Frank bei einer Veranstaltung begegnet. Faith ermutigt sie ihren eigenen Weg zu gehen und Jahre später darf Greer für die verehrte Frau arbeiten. Doch dann kommt es zum Bruch und Greer muss allein für ihre Ideale kämpfen. Dabei hinterfragt sie sich selbst immer wieder und fokussiert sich neu.

Wolitzer schildert wie auch in ihren anderen Büchern das Geschehen aus der Perspektive unterschiedlicher Hauptpersonen. Neben Greer tauchen auch ihr Freund  Cory, ihre Freundin Zee und Faith selbst als Hauptpersonen auf. Eindringlich schildert Wolitzer die Lebensgeschichten dieser Personen, ihre Erfolge und Enttäuschungen.
Das Buch ist politisch durch den hoch aktuellen Hintergrund, aber auch sehr gut zu lesen, weil viel persönliches Schicksal hineinspielt. Man fragt sich, warum nicht mehr Frauen gegen das Bild aufbegehren, das in den Medien und an den Stammtischen von ihnen gezeichnet wird.

Besonders gut hat mir das Cover gefallen, die vielen bunten Streifen strahlen einerseits Lebensfreude aus, setzen sich aber auch zu einem "weiblichen" Dreieck zusammen. Die teilweise hinter den Streifen verschwindenden Buchstaben stehen für mich für die Frauen, die sich selbst nicht ganz trauen selbstbewusst aufzutreten und sich hinter Rollenbildern verstecken.

Ich finde das Buch unbedingt lesenswert.
 

Autor: Paul | Datum: 04.07.2018
Pauk

Isaiah Quintabe, genannt IQ, ist Privatdetektiv in Los Angeles. Von armen Leuten lässt er sich auch schon mal in Naturalien bezahlen. Vor Jahren wurde sein Bruder Marcus bei einem Unfall getötet. Durch Zufall entdeckt IQ das Autowrack des beteiligten Wagens. Er erkennt, dass sein Bruder nicht durch einen Unfall umgekommen ist, sondern gezielt getötet wurde. Jetzt setzt er alles daran den Mörder zu finden.

Die ehemalige Freundin seines Bruders engagiert ihn, dass er Ihre Halbschwester suchen und schützen soll, die zusammen mit ihrem Freund der Spielsucht verfallen ist.

Es ereignet sich einiges bis es zum nicht erwarteten Ende kommt. Ich hatte dieses Ende jedenfalls nicht erwartet.

Jo Ide schreibt flüssig. Der Text ist zwar leicht zu lesen, aber man hat Schwierigkeiten, die handelnden Personen und Gruppen auseinander zu halten. Da entsteht oft einfach nur Verwirrung. Jo Ide bleibt dabei als Autor recht unbeteiligt. Er scheint zu seinen Personen keine direkte Beziehung zu haben. Und so blieben sie auch für mich recht farblos.

Thriller steht auf dem Cover. Ich meine Krimi, Standard-Krimi, reicht.

 

Autor: Mathildis | Datum: 20.06.2018

Linn Ullmann ist die Tochter der Schauspielerin Liv Ullmann und des Regisseurs Ingmar Bergmann. Obwohl ihre Eltern nicht verheiratet waren und Bergmann noch weiter acht Kinder hatte, hatte Linn einen gute Beziehung zu ihrem Vater, den sie in jedem Jahr für vier Wochen auf seinem Landsitz besuchen durfte. Ansonsten lebte sie ein unruhiges Leben mit ihrer Mutter und wechselnden Kindermädchen an verschiedenen Orten.

In diesem Buch erzählt sie autobiographisch aus ihrem Leben mit den beiden Berühmtheiten. Das Buch geht aber weit über eine reine Biographie hinaus. Das Leben der Hauptpersonen wird in wechselnde literarische Formen gebracht, es gibt Gesprächsprotokolle mit Bergmann, vage Kindheitserinnerungen und Auszüge aus Briefen und Gedichten. Ullmann schildert eindringlich den langen Weg ihres Vaters in die Demenz und macht sich Gedanken über das Altern. Dabei vermeidet sie jeden Voyeurismus, sondern schreibt eher kühl und distanziert, doch man spürt, dass ihr die Verarbeitung der Krankheit des Vaters nicht leicht fällt. Erst viele Jahre später kann sie die Tonbänder abhören, die sie in der letzten Lebensphase mit ihm aufgenommen hat.

Es ist gut, wenn man einige der Filme des Paares gesehen hat ("Szenen einer Ehe" zum Beispiel), aber man kann das Buch auch ohne diese Vorbildung gut lesen.

Linn Ullmann ist eine erstklassige Schriftstellerin und hat zu Recht schon viele Preise gewonnen. Dieses Buch ist wieder anspruchsvoll, aber ich habe es sehr gern gelesen. Es fordert, aber es überfordert nicht.
 

Autor: Mathildis | Datum: 30.05.2018

Ich bin quasi ein Kluftinger-Fan der ersten Stunde und musste natürlich auch seine zehnten Abenteuer lesen.

Diesmal wird es sehr persönlich, denn irgendjemand will Kluftinger ans Leder. Da steht ein Kreuz mit seinem (vollständigen!!) Namen an einem frischen Gab auf dem Friedhof, es wird eine Traueranzeige für ihn in der Zeitung geschaltet und Sterbebildchen finden sich in der Kirche, das wirkt schon alles sehr bedrohlich. Dazu kommt noch, dass Klufti Opa eines nicht näher beschriebenen Kindes (kein Name, kein Geschlecht) geworden ist dadurch besonders angespannt ist. Kluftinger sucht in seiner Vergangenheit nach möglichen Tätern und dabei erfährt man außer seinen Vornamen auch noch eine Menge über die Jugend des Kommissars. Durch die verschiedenen zeitebenen wirkt das Buch sehr lebendig.

Das ist wie immer kurzweilig zu lesen und macht größtenteils Spaß, ist aber auch manchmal sehr vorhersehbar, wie bei dem Autokauf.

Wie man sieht enthält das Buch einige Schmankerln für Klufti-Fans!

Leider finde ich das Ende ziemlich misslungen, da bleiben einige Handlungsstränge (z.B. um den Herrn Rösler) offen und ich habe den Eindruck, dass man hier schon in den nächsten Klufti-Krimi hinein gezwungen werden soll. Das mag ich nicht. Deshalb stellt mich der Schluss nicht ganz zufrieden.

Aber insgesamt ein lockerer, gut zu lesender Krimi, den man auch genießen kann, wenn man die ersten Bände nicht kennt.

Autor: Paul | Datum: 16.05.2018

Ungewöhnlich und ungewöhnlich spannend!

Vivian Müller arbeitet bei der CIA als Spionageabwehr-Analystin. Sie hat einen speziellen Algorithmus entwickelt, um russische Spione (sogenannte Schläfer) aufzuspüren. Als sie bei der Recherche auf ein Foto Ihres Mannes Matt stößt, gerät ihr Leben und das Ihrer Familie in höchste Gefahr. Karen Cleveland erzählt die Geschichte aus der Sicht Vivians. Es sind zwei Erzählstränge, die eigentliche Spionagegeschichte und die Familiengeschichte. Beide sind innig miteinander verwoben. Die Familiengeschichte steht dabei ziemlich im Mittelpunkt. Ungewöhnlich ist das schon bei einem Spionagethriller, dass nicht ein einzelner Spion im Mittelpunkt steht, sondern eine Familie mit den Sorgen um die Kinder, um die Finanzen, um Schule und Kindergarten. Ungewöhnlich aber spannungsfördernd. Man identifiziert sich mit Vivian und ihrer Familie.

Es lässt sich zusammenfassend sagen: der Roman ist ungewöhnlich aber auch ungewöhnlich spannend.

Autor: Mathildis | Datum: 10.05.2018

Toni Morrison hat vor einigen Jahren den Literaturnobelpreis bekommen und wenn man dieses Buch gelesen hat, dann weiß man warum.

Sie erzählt auf 200 Seiten die Geschichte von Bride, die als extrem schwarzes Kind geboren wurde, während ihre Eltern relativ hellhäutig sind. Ihre Mutter schämt sich wegen der schwarzen Hautfarbe und will Bride mit Härte und Unnachgiebigkeit zu einem starken Menschen erziehen, während der Vater die Familie im Stich lässt. Doch Bride sucht ihren eigenen Weg und verliebt sich in Booker, der sie ganz plötzlich ohne Angabe von Gründen verlässt. Ihre Suche nach dem Geliebten ist auch eine Suche nach ihren eigentlichen Wesen, weg von der Oberflächlichkeit hin zu tiefer Menschlichkeit.

Das Buch ist wie auch die anderen Bücher von Morrison in einer sehr anschaulichen, bildhaften Sprache geschrieben. Man taucht schnell ein in die Welt von Bride und durch den Wechsel der Perspektiven mit verschiedenen Erzählern aus unterschiedlichen Lebensaltern wird das Buch sehr lebendig.

Morrison ist eine Meisterin der Sprache und das wird auf diesen zweihundert Seiten besonders deutlich, viele Sätze sind zum Niederknieen. Man hat den Eindruck, dass das Buch die Essenz ihres Wirkens ist.

Das Buch kommt in der momentanen politischen Situation genau zur richtigen Zeit. Sie steht damit ganz deutlich in der Tradition von James Baldwin und anderen schwarzen Erzählern.

Autor: Paul | Datum: 02.05.2018

Ein kleines Juwel.

Ein Krimi ist das, dachte ich, als ich das Buch zuerst in die Hand nahm. Aber es ist nicht einfach ein Krimi. Es ist viel mehr. Ein tiefgründiger Text, aber leicht erzählt. Eigentlich sind es ja mehrere Texte. Denn das Buch besteht aus mehreren voneinander unabhängigen Geschichten. Schicksale werden erzählt. Oft gibt es unerwartete Wendungen. Und immer wieder fragt man sich: Was ist Gerechtigkeit? Was ist Schuld? Faszinierend zu lesen. Nach jeder Geschichte drängt es einen, die nächste vorzunehmen. Aber ich empfehle, sich die Geschichten aufzuteilen auf mehrere Abende.

Auf jeden Fall bekommt das Buch eine volle Empfehlung.

Autor: Mathildis | Datum: 18.04.2018

Den ersten Spreewaldkrimi der Autorin habe ich vor einiger Zeit gelesen und war sehr gespannt, ob sich die Autorin weiterentwickelt hatte, denn wirklich gut fand ich "Spreewaldgrab" damals nicht. Das Titelbild zeigt eine typische Spreewaldbrücke und vermittelt dadurch allerdings sofort den richtigen Einstieg in diese beeindruckende Landschaft.

Auf einer Insel im Gewirr der Fließe wird ein junger Mann gefunden, der niedergeschlagen wurde. Wenig später findet man einen Obdachlosen tot auf, auch er wurde mit einem Holzscheit umgebracht. Klaudia Wagner, die aus dem Ruhrgebiet in den Spreewald gezogen ist, kommt einer uralten Familienfehde auf die Spur.

Zwar bemüht sich die Autorin um das richtige Spreewaldflair und das gelingt ihr auch über weite Strecken. Nur ist der Aufbau des Krimis sehr verwirrend, die Personen und Zeiten purzeln durcheinander und ich kam bis zum Schluss damit leider nicht wirklich klar. Über weite Strecken ist das Buch wenig spannend und auch die Auflösung plätschert dahin. Auch gibt es zahlreiche Verweise auf die beiden vorigen Bücher und wenn man diese nicht präsent oder nicht gelesen hat, dann versteht man viele Zusammenhänge nicht. Am Ende gibt es wieder so einen Cliffhanger und das mag ich gar nicht. Man fühlt sich genötigt.

Deshalb kann ich das Buch nicht uneingeschränkt empfehlen.

Autor: Mathildis | Datum: 05.04.2018

Was für ein schönes Buch! Der Einband ist wunderbar schlicht in dezenten Farben, mit Stoffrücken und innen liegt ein hübsches Lesebändchen.

Aber zum Inhalt! Die neunjährige Robin wächst behütet in Johannesburg auf, ihr Vater arbeitet in einer Goldmine. Am Tag des Aufstandes in Soweto 1976 werden Robins Eltern von Schwarzen ermordet und sie kommt zu ihrer Tante Edith, die als Stewardess in der ganzen Welt unterwegs ist.

Zur gleichen Zeit lebt die schwarze Frau Beauty in ihrem Homeland Transkei. Von dort bricht sie nach Soweto auf, um ihre Tochter zu suchen, die dort zur Schule geht. Beauty gerät in die Aufstände hinein, kann aber fliehen, doch ihre Tochter ist verschwunden. Um in Johannesburg bleiben zu können, sucht sie Arbeit und wird so das Kindermädchen von Robin. Heimlich sucht sie weiter nach ihrer Tochter. Robin und Beauty finden nach ersten Problemen Gefallen aneinander, Robin klammert sich an ihre Betreuerin. Doch dann kommt eine schwere Bewährungsprobe für Robin und sie versaut es.

Das Buch schildert sehr fesselnd die Apartheidszeit in Südafrika. Der ganze Irrsinn einer Trennung von schwarz und weiß wird sehr nachvollziehbar beschrieben. So dürfen Schwarze und Weiße nicht dieselben Toiletten benutzen, die Schwarzen dürfen nicht in den Häusern der Weißen wohnen, sondern in eigenen Hütten oder gleich in den Townships.

Auch die Zeichnung der beiden Hauptfiguren ist liebevoll und dicht. Manchmal wirkt die Fülle an Problemen, die in dieses Buch gepackt ist, etwas zu viel, aber trotzdem ist das Buch spannend und sehr gut lesbar.

Mich hat das Buch sehr berührt, denn es zeigt deutlich, dass wir alle Menschen sind, egal welcher Hautfarbe, Religion oder Weltanschauung. Darin ist das Buch zutiefst human und das darauf kann man gerade heute nicht oft genug hinweisen.

Also unbedingt lesen!

Autor: Paul | Datum: 26.03.2018

Eine eindringliche Geschichte!

Zwei ineinander verwobene Geschichten werden erzählt. Die erste ist im Jahr 2017 angesiedelt und erzählt von der Umweltaktivistin Signe, die sich auf ihrem Segelboot "Blau" von Norwegen aus auf den Weg nach Frankreich macht, um ihren Jugendfreund Magnus wegen seiner Umweltsünden in Bezug auf die norwegischen Gletscher zur Rede zu stellen.

Die zweite Geschichte spielt 2041. Eine große Dürre herrscht. Flüsse trocknen aus. Der 25-jährige David mit seiner Tochter Lou flieht in den Norden Frankreichs, weil es da noch mehr Wasser geben soll. Sie kommen vorübergehend in einem Lager unter. In der Nähe des Lagers finden sie ein Boot. Es stellt sich heraus, dass es die "Blau" ist. Mit ihr wollen sie zum Meer fahren. Sie warten auf den Regen, der den Fluss wieder füllen wird. Wird der lang ersehnte Regen kommen?

Maja Lunde erzählt die Geschichten zugleich souverän und einfühlsam. Die Charaktere werden gut dargestellt. Dabei benutzt sie nicht langatmige Beschreibungen und Charakterisierungen, die auch deshalb nicht möglich sind, weil die beiden Hauptpersonen Signe und David jeweils in Ich-Form erzählen. Die Personen werden mehr durch ihr Handeln charakterisiert.

Lunde versteht es, die beiden Geschichten abwechselnd zu erzählen und dabei trotzdem keine Verwirrung beim Leser zu bewirken. Das wird einerseits durch die Kapitelüberschriften gewährleistet, wodurch man immer sofort weiß, ob es um Signe oder David geht. Aber auch inhaltlich und stilistisch schafft sie es, dass man sich beim Wechsel eines Kapitels sofort in der betreffenden Geschichte und der betreffenden Zeit zurecht findet.

Das Buch ist leicht zu lesen. Es ist in Romanform eine eindringliche aber nicht aufdringliche Mahnung zum Schutz der Umwelt.