Buchtipps

Autor: Mathildis | Datum: 18.09.2019
MathildisKathrin Heinrichs: "Aus dem Takt"

"Aus dem Takt" gerät der kleine gemischte Chor, in dem Hobbyermittler Vincent Jacobs mitsingt, als der Chorleiter nach der Probe mittels einer Drahtfalle von seinem Motorrad geholt wird und sich das Genick bricht.

Während die Mordkommission in Richtung militanter Motorradlärmaktivisten ermittelt, hat Vincent den Verdacht, dass persönliche Motive hinter der Tat stecken könnten. Doch dann werden auf dem Ochsenkopf bei Sundern und in der Nähe von Bestwig zwei weitere Drahtfallen gefunden und auch ein Verdächtiger ist zur Hand. Vincents Freund Max, der ebenfalls dem Ermittlerteam angehört, hat derweil mit ganz anderen Problemen zu kämpfen.

Das Thema Motorradlärm ist im Sauerland (und anderen Gegenden) in jedem Sommer sehr aktuell, denn viele Anwohner fühlen sich von den getunten und lärmenden Maschinen gestört. Da kocht oft genug Wut hoch. Kathrin Heinrichs schildert das Problem sehr realistisch, sie weiß, wovon sie spricht. 

Auch in der Chorszene kennt sie sich aus, die aussterbenden Männerchöre oder die neuen gemischten Chöre nimmt sie liebevoll aufs Korn. Dabei erkennt jede Leserin und jeder Leser die Typen, die sich in der jeweiligen Szene tummeln: die eifrige Gerlinde, den smarten Manuel, die schüchterne Annika...

Der zehnte Vincent-Jacobs-Krimi ist aus drei verschiedenen Perspektiven geschrieben: einmal findet man Vincent Jacobs als Ich-Erzähler, dann liest man über die Ermittlungen der Mordkommission aus der Perspektive von Max und dann ist da noch ein geheimnisvolles Wesen, dessen Gedanken kursiv gedruckt sind und dessen Name sich erst ganz am Schluss herausstellt.

Das Buch ist wieder einmal ein gelungener und vergnüglicher Sauerlandkrimi, der die Menschen im Sauerland realistisch und gekonnt schildert. Dabei ist das Buch auch noch ziemlich spannend und die Lösung überraschend. Auch Sundern spielt in diesem Buch eine besondere Rolle und die Sunderaner (nicht die zungenverknotenden Sunderner!) werden sich sicher in der einen oder anderen Szene wiedererkennen.

Ein echtes Lesevergnügen nicht nur für echte Sauerländer!

Autor: Paul | Datum: 04.09.2019
PaulJo Nesbø: "Messer - Ein Fall für Harry Hole"

Harry Hole ist am Boden, denn seine Frau Rakel hat ihn verlassen und seinen Job an der Polizeihochschule hat er auch verloren. Er versucht sich die Wirklichkeit rosiger zu saufen. Da wird Rakel ermordet. Kann es sein, dass Harry selbst es im Suff gemacht hat? Oder war es Svein Finne, ein notorischer Vergewaltiger, den Harry einst hinter Gitter gebracht hatte?

Spannung ist das Stichwort, das den ganzen Roman durchzieht. Nesbø beschreibt den Fortgang der Handlung von verschiedenen Seiten, mit wechselnden Personen als Protagonisten. Dabei ist Harry Hole natürlich seine Hauptperson. Dessen Gedanken, seine inneren Zweifel, sein totaler Absturz stehen im Mittelpunkt.

Das Buch ist leicht zu lesen und recht stringent geschrieben. Kein Hin- und Herspringen in verschieden Erzählebenen. Rückblicke sind plausibel und passend eingesetzt. Nesbø schafft es mühelos, Spannung literarisch hochwertig zu servieren, bis zum überraschenden und ungewöhnlichen Ende.

Autor: Paul | Datum: 21.08.2019
Paul „Verratenes Land“ von Greg Iles

Spannende 830 Seiten

Pulitzer Preisträger Marshall McEwan kommt nach 30 Jahren wieder zurück in seine Heimatstadt Bienville am Mississippi. Sein Vater liegt im Sterben. Weil dieser die örtliche Zeitung, die schon seit langer Zeit im Besitz der Familie ist, wegen seiner Krankheit nicht mehr leiten kann, will Marshall sich darum kümmern.

Dann gibt es da in Bienville noch den sogenannten Bienville Pokerclub. Es sind 12 Männer, die selbstherrlich über die Stadt bestimmen. Eine Papierfabrik soll auf einem Gelände gebaut werden, auf dem Buck Ferris, der Ziehvater von Marshall alte Indianersiedlungen vermutet, die er ausgraben möchte.

Buck Ferris kommt plötzlich durch einen mysteriösen Unfall zu Tode. Der Verdacht liegt nahe, dass der Pokerclub dahinter steckt.

830 Seiten umfasst der Roman. Ich hatte mich schon auf einige Tage Lesezeit eingestellt. So viele Seiten brauchen halt ihre Zeit. Aber dann ging es doch recht schnell. Und woran lag das? Iles schafft das Kunststück, über die enorme Länge der Geschichte einen Spannungsbogen aufzubauen und zu halten, dass ich das Buch in jeder freien Minute zur Hand genommen habe.

Iles erzählt aus der Sicht von Marshall McEwan. Immer wieder baut er Rückblicke auf die Vergangenheit ein. Zu Anfang dachte ich noch, was sollen diese Rückblicke? Die halten den Fortgang der Geschichte nur auf. Aber es wird schnell klar, dass durch die Erlebnisse in der Vergangenheit das Handeln der Personen in der Gegenwart sehr stark bestimmt wird.

Überhaupt, die Personen: Es sind sehr viele Personen, die eine Rolle spielen. Da geschieht es sehr leicht, dass man die Übersicht verliert. Wie oft habe ich schon in anderen Romanen zurück geblättert, um mich bei den Personen wieder zurecht zu finden. Iles gelingt das Kunststück, dass der Leser trotz der vielen handelnden Personen leicht den Überblick behält.

Es gab mal einen "Literaturpapst", der Romane über 500 Seiten, ohne sie gelesen zu haben, per se als schlecht bezeichnete. Bei Iles Buch haben wir ein Beispiel, dass Romane mit großem Umfang nicht automatisch schlecht sein müssen. Hier ganz im Gegenteil!

Autor: Mathildis | Datum: 14.08.2019
"Unterwegs" von Franz MünteferingMathildis

Es kommt nicht oft vor, dass ein Sunderaner ein Buch in einem großen Verlag veröffentlicht und damit dann auch noch auf der Spiegel-Bestsellerliste landet. Franz Müntefering, dem gebürtigen Sunderaner und Ehrenbürger unserer Stadt, ist es gelungen.

Im Stil eines Lesebuchs, das man nicht von vorn bis hinten durchliest, sondern sich ab und zu mal ein Kapitel zu Gemüte führt, schreibt der ehemalige SPD-Chef und Vizekanzler seine Gedanken zum Leben, zum Älterwerden, zu seiner Beziehung zu Demokratie und Freiheit.

Müntefering hat ja auch in seinen Reden einen ganz eigenen Stil, kurze Sätze, prägnant, bildhaft, so schreibt er auch hier. Dass er auch Humor kann, das merkt man in diesem Buch. In den Kapiteln geht es nicht nur um das Älterwerden, bei dem die drei großen L besonders wichtig sind: Laufen, Lernen, Lachen, sondern auch um seine Beziehung zu Büchern, das Aufwachsen nach dem Krieg im Sauerland oder um seine Sorge um die Sozialdemokratie. Engagiert nimmt er Stellung zu den Populisten, die die schweren Probleme unserer Zeit mit angeblich so einfachen Antworten lösen wollen und streitet wehrhaft für Demokratie. Auch das Thema Sterben nimmt ein großes Kapitel in dem Buch ein.

Man lernt in diesem Buch überraschende Seiten an dem Politiker, der sich heute besonders für die Seniorenpolitik einsetzt, kennen und muss manchmal schmunzeln. Oft aber gibt er Denkanstöße, über die es sich lohnt intensiver nachzudenken und zu diskutieren.

 

Autor: Mathildis | Datum: 08.08.2019

Ich mag zwar die Bücher von Karin Slaughter, aber bisher wurde ich mit der Reihe um Will Trent nicht ganz warm.

Das ist bei diesem Buch anders.

Während Will bei den Eltern seiner Freundin Sara Linton den Rasen mäht, geht nicht weit entfernt auf dem Gelände eines Krankenhauskomplexes eine Bombe hoch. Sofort eilen beide zum Tatort, um ihre Hilfe anzubieten. Doch unterwegs werden sie von einem fingierten Unfall gestoppt und Sara wird entführt, denn die Täter brauchen dringend eine Ärztin. Will muss hilflos zusehen. Alle Zeichen weisen auf eine Neonazigruppe hin, die erreichen will, dass der weiße Mann wieder die ihm angeblich zustehende führende Rolle in der Gesellschaft einnimmt, die ihm angeblich die Frauen und Einwanderer genommen haben. Während der Polizeiapparat fieberhaft nach den Tätern sucht, entdeckt Sara Schlimmes in dem Camp, in das man sie verschleppt hat, und Will versucht sie im Alleingang zu befreien.

Das Buch beschreibt das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven und immer wieder wird man durch diesen Perspektivenwechsel gebremst, das macht das Buch so ungeheuer spannend.

Autor: Paul | Datum: 25.07.2019
Paul"Die geheime Mission des Kardinals" von Rafik Schami

Ein kriminalistischer Roman!

Ein etwas anderer Kriminalroman.

Aber zunächst etwas zum Inhalt: im Jahre 2010 wird der italienischen Botschaft in Damaskus ein Fass geliefert. Darin in Olivenöl die Leiche des Kardinals Angelo Cornaro, der in einer Geheimmission in Syrien unterwegs war. Kommissar Barundi wird mit den Ermittlungen beauftragt. Da die Leiche der italienischen Botschaft geliefert wurde, wird aus Italien Commissario Marco Mancini hinzugezogen. Die beiden stehen vor einer schwierigen Aufgabe. Wie soll es ihnen gelingen bei den herrschenden syrischen Verhältnissen, die Mancini scherzhaft mit italienischen Verhältnissen vergleicht, die Schuldigen zu finden.

Ein etwas anderer Kriminalroman, wie ich in der Überschrift schrieb, ein kriminalistischer Roman. Ich meine damit einen Roman, der zwar eine Handlung hat, wie ein Kriminalroman, denn ein Mord ist geschehen und wird aufgeklärt. Aber ein großer Teil des Romans wird von der Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Syrien in Anspruch genommen, die von Diktatur und einem allmächtigen Geheimdienst überschattet sind. Ein weiteres wichtiges Gesellschaftsbild ist die die Beschreibung des Zusammenlebens der verschiedenen Religionen und Glaubensrichtungen. Die eigentliche Geschichte spielt sich in nur wenigen Wochen ab. Aber das Buch umfasst einen Zeitraum von vielen Jahren. Das gelingt Rafik Schami, indem er z. B. immer wieder Auszüge aus Barundis Tagebuch einblendet, in dem er nicht nur auf die Gegenwart sondern auch auf seine Vergangenheit eingeht.

Ein Krimi hat oft einen Spannungsbogen, der sich vom Beginn an immer mehr steigert und dann am Ende nach Aufklärung des Falls steil abfällt. bei Schami haben wir es in diesem Buch mehr mit einer gleichbleibenden Spannung zu tun. Nicht mal an der Stelle, als die beiden Kommissare in die Gewalt von Rebellen geraten, hatte ich den Eindruck, dass da die Spannung bemerkenswert stieg. Irgendwie weiß man, dass Schami seine Protagonisten schon gut durchkommen lassen wird.

Diese Art der Spannungsführung ist ungewöhnlich, passt aber sehr gut zu diesem Buch. Es lässt sich gut lesen. Auf jeden Fall eine Leseempfehlung.

Autor: Mathildis | Datum: 17.07.2019
Mathildis"Effingers" von Gabriele Tergit

Dieses Buch wurde in allen Feuilletons mit Lobeshymnen überschüttet. Und das zu Recht!

„Effingers“ erschien schon 1951 in einer kleinen Auflage und verschwand dann schnell wieder vom Markt, weil die Zeit dafür wohl noch nicht reif war. Nun ist eine neue Auflage erschienen und ein Überraschungserfolg.

Paul Effinger, Sohn eines frommen jüdischen Goldschmieds, geht 1878 aus seinem Heimatort Kragsheim in Franken nach Berlin, um dort sein Glück zu machen. Gemeinsam mit seinem Bruder Karl baut er eine Fabrik auf, stellt zuerst Schrauben, später Automobile her. Beide heiraten in die vornehme Bankiersfamilie Oppner ein und kommen damit in die gehobenen Berliner Kreise, in denen Geld keine Rolle spielt, aber Konvention alles ist. Die Männer der Familie gehen den Bankgeschäften nach, die Frauen kaufen ein und repräsentieren. Das wichtigste Ziel einer Frau ist es eine gute Partie zu machen, viele Ehen werden arrangiert. Doch irgendwann beginnt schleichend der Niedergang der Familien, als die jungen Leute Geschmack an neuen Ideen wie dem Kommunismus finden und die Frauen studieren oder einen Beruf ergreifen wollen. Auch bekommen sie den latenten Antisemitismus zu spüren, der sich durch alle Schichten der Gesellschaft zieht. Als die Nationalsozialisten erstarken, wird die Lage immer schwieriger.

Über vier Generationen zeichnet das Buch den Weg der Familien nach, von der Aufbruchstimmung der Gründerzeit über den 1. Weltkrieg bis zum Nationalsozialismus mit allen Schrecken.

Knapp 900 Seiten in 151 Kapiteln sind nicht einfach zu füllen, aber Gabriele Tergit gelingt es fast mühelos. Der Aufstieg und der tiefe Fall der Familien Oppner und Effinger wird historisch genau und sehr detailreich geschildert. Dabei ist ihr Stil sehr gut zu lesen und die Figuren werden fast zu guten Freunden und sehr lebendig. Tergit bedient sich einiger sehr raffinierter Stilmittel: wie ein Refrain wiederholen sich bestimmte Sätze im Laufe des Buches und geben ihm damit einen ganz eigenen Rhythmus.

Das Nachwort von Nicole Henneberg ordnet das Buch historisch ein und macht es noch einmal verständlicher. Manche Rezensenten verglichen  das Werk schon mit Thomas Manns „Buddenbrooks“.

Ein wirklich wunderbares Buch für alle, die die Geduld für ein so einen dicken „Wälzer“ haben.

 

Autor: Mathildis | Datum: 10.07.2019
Mathildis1793 von Niklas Natt Och Dag

Ich bin eigentlich kein Fan von historischen Krimis, doch dieser hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen.

Stockholm ist 1793 eine Stadt im Umbruch, in Frankreich wütet die Revolution und nach dem Mord am König regiert ein korrupter Statthalter das Land, bis der Kronprinz volljährig wird. Überall herrscht die Angst vor einem Umsturz und die Eliten tanzen auf dem Vulkan, während das gemeine Volk im Elend lebt.

Das Buch spielt - wie der Titel schon sagt - im Jahr 1793, doch es ist nicht chronologisch erzählt. Am Anfang steht im Herbst 1798 ein Toter, dem Beine und Arme amputiert wurden und dem Zähne, Zunge und Augen entfernt wurden. Der Stadtknecht Mickel Cardell muss sich um den Todesfall kümmern und er erhält Unterstützung von Cecil Winge, einem lungenkranken Juristen, der dem Tode nahe ist. Der zweite Teil spielt im Sommer und ist eine Art Briefroman des Feldscherlehrlings Kristofer Blix, währen man im dritten Teil (Frühjahr) die grausame Geschichte der jungen Maja Knapp erfährt. Erst im vierten Teil (Winter) werden alle Erzählstränge zusammengeführt.

Das Buch ist hervorragend geschrieben, die Sprache ist faszinierend und die Spannung wird über das ganze Buch gehalten. Ein Buch, das man kaum aus der Hand legen kann, trotz der vielen grausamen Szenen, die das Leben im Jahr 1793 genau beschreiben. Dahinter steckt viel Recherchearbeit. Die Sprache ist nur wenig altertümlich, das erleichtert das Lesen.

Ich bin froh, dass ich das Buch trotz der Vorbehalte gelesen habe und empfehle es jedem Krimifan!

Autor: Mathildis | Datum: 19.06.2019
MathildisAll die unbewohnten Zimmer

Als Ani-Fan kam ich natürlich nicht an dem neuen Buch vorbei.

In diesem Buch begegnet man drei alten Bekannten aus Anis vorigen Romanen wieder: dem Vermisstensucher Tabor Süden, dem ehemaligen Mönch und Kriminalkommissar Polonius Fischer und dem Überbringer von Todesnachrichten Jakob Franck. Dazu kommt die Halbsyrerin Fariza Nasri. Sie alle haben in München mit zwei Fällen zu tun, die sehr diffizil sind.

Eine Frau wurde erschossen, ein Polizist schwer verletzt, die Suche nach dem Täter gestaltet sich zuerst schwierig. Kurze Zeit später wird am Rande einer Neonazidemo ein junger Polizist mit einem Stein erschlagen, ein Verdächtiger ist verschwunden. Unter hohem Druck der Öffentlichkeit, der Politik und der Medien müssen Fischer und Nasri ermitteln und bekommen unerwartet Hilfe von Franck und Süden.

Anis Bücher sind immer besonders, sie entsprechen nicht dem üblichen Krimigeschehen, denn dafür taucht Ani zu tief in das Seelenleben seiner Figuren ein. Da ist nichts oberflächlich und effektheischend, die Figuren sind in ihrer ganzen Gebrochenheit scharf gezeichnet. Dabei zeigt Ani in seinen Büchern eine starke politische Haltung. Anis Stil ist sicher gewöhnungsbedürftig, aber seine Sätze sind manchmal wie Monumente, manchmal wie Federn so leicht. Man möchte sie immer wieder unterstreichen und aufschreiben.

Der Titel bezieht sich übrigens auf die Menschen, die in unserem Leben einen Platz hatten und daraus verschwunden sind, sie haben viele unbewohnte Zimmer zurückgelassen.

Ich halte dieses Buch für eines der besten von Friedrich Ani, unbedingt lesenswert, wenn man sich darauf einlassen kann.

 

Autor: Mathildis | Datum: 12.06.2019
Mathildis"Ein Sohn ist uns gegeben" von Donna Leon

Donna Leons achtundzwanzigster Fall für Commissario Brunetti bietet gewohnt solide Krimikost, ist allerdings auch etwas ungewöhnlich.

Erst einmal wird niemand ermordet, statt dessen kümmert sich Brunetti um einen alten Freund seines Schwiegervaters. Dieser reiche Freund namens Gonzalo ist schwul und möchte einen vierzig Jahre jüngeren Mann als seinen Erben adoptieren. Alle seine Freunde raten ihm ab, denn sie sind überzeugt, dass der junge Mann nur an Geld interessiert ist. Dann stirbt Gonzalo plötzlich und es soll eine Trauerfeier für ihn in Venedig stattfinden, zu der eine alte Freundin aus England angereist ist. Doch wenige Stunden später liegt die Frau tot in ihrem Hotel. Ein Mordfall für Brunetti...

Donna Leon beschreibt in ihren Büchern eine untergehende Welt, die der vornehmen Gentlemen, der höflichen Hotelmitarbeiter, der ergebenen Bediensteten. Das hat auch in diesem Buch seinen eigenen Reiz und ist leicht verschroben. Touristenmassen kommen nur ganz am Rande vor und ich habe meine Zweifel, ob es das beschriebene Milieu noch gibt. Trotzdem ist es immer wieder reizvoll in diese Welt einzutauchen und dem gemächlichen Gang der Dinge zu folgen. Leons Bücher sind wie alte Bekannte, die man nach langer Zeit wiedersieht.

Ein Buch für alle Brunetti-Fans und alle, die es noch werden wollen!

Autor: Paul | Datum: 05.06.2019
Paul„Auris“ von Vincent Kliesch nach einer Idee von Sebastian Fitzek

Komplizierte Zusammenhänge

Forensische Phonetik war mir neu. Aber eine interessante Neuerung, Matthias Hegel erkennt allein an Stimme Wortwahl und Sprechweise seines Gegenüber viele Dinge über diesen und kann z.B. auch leicht Unwahrheiten erkennen. Dieser Matthias Hegel bekennt sich zu einem Mord und wird dafür verurteilt. Da kommt als zweite Protagonistin die True-Crime-Podcasterin Jula Ansorge ins Spiel. Sie glaubt nicht an Hegels Schuld und will ihn rehabilitieren.

Komplizierte Zusammenhänge tun sich auf. Hegel will nicht rehabilitiert werden, obwohl Jula Hinweise für seine Unschuld findet. Es entwickelt sich ein Spiel mit der Wahrheit. Ist das, was Jula herausgefunden hat, eigentlich wahr oder nur etwas, was wahr zu sein scheint? Da wird es manchmal etwas kompliziert, weil sich immer wieder neue Seiten auftun und neue Interpretationen des Geschehens möglich sind. Manchmal bleibt etwas auch nur vollkommen rätselhaft.

Es hilft, dass Kliesch sehr stringent erzählt, ohne groß zwischen verschiedenen Orten oder Zeitebenen hin und her zu springen. Er ist leicht zu lesen, was Satzbau und Wortwahl angeht. Zum Schluss ergibt sich eine interessante Wendung, oder doch nicht? Es bleibt auch am Schluss alles etwas im Unklaren. Dazu ein Cliffhanger, was ich gar nicht mag. Hier soll wohl zum Kauf des nächsten Buches verführt werden.

 

Autor: Mathildis | Datum: 29.05.2019
MathildisAxel MilbergDüsternbrook

Der bekannte Schauspieler Axel Milberg hat ein autobiographisch gefärbtes Buch über seine Kindheit und Jugend im vornehmen Kieler Stadtteil Düsternbrook geschrieben.

Der Vater stammt aus reichem Hause, verdient gut als Anwalt, die Mutter ist Ärztin, kümmert sich aber um die drei Kinder. Klavierunterricht und Tennisstunden gehören zum Alltag, Geldsoren kennt man nicht, man lebt das Leben einer gutbürgerlichen Familie der 1960er Jahre. Doch nach dem Abitur an der Gelehrtenschule entschließt Axel sich die Aufnahmeprüfung an der Falckenbergschule in München zu machen und mit den Erwartungen seiner Familie zu brechen.

Das Buch ist eine Mischung aus Autobiographie und Fiktion, wie wir es schon bei den Büchern anderer Schauspieler kennengelernt haben (Joachim Meyerhoff, Christian Berkel). Man kann anfangs nur erahnen, wie alt der kleine Axel in den Episoden ist, denn Altersangaben gibt es nur vereinzelt. Das macht es für den Leser nicht immer ganz einfach.

Interessant ist, dass der Schreibstil sich im Laufe des Buches verändert. Zuerst ist er noch naiv-kindlich und wird zunehmend erwachsener. Einige Episoden sind recht charmant, andere verstörend. Manchmal blitzt ein ganz trockener norddeutscher Humor auf.

Das Buch ist gut zu lesen, reicht aber längst nicht an die Qualität der Bücher von Milbergs Schauspielkollegen Joachim Meyerhoff heran. Interessanter ist sicher das Buch von Milberg selbst gelesen zu hören.

Autor: Mathildis | Datum: 21.05.2019
Mathildis

Jane Gardams Buch ist für mich bisher eines der besten Bücher des Jahres.

In neun einzelnen Geschichten über mehr als zwanzig Jahre erzählt sie vom Bauernsohn Bell und seinem aus London stammenden Freund Harry, der seine Ferien immer auf einer Farm in der Nähe von Bell verbringt. Über viele Jahre hinweg erleben die beiden Jungen gemeinsame Abenteuer und Gefahren, doch die größte Gefahr - und eine Überraschung - wartet in der letzten Geschichte.

Jane Gardam schreibt sehr bedächtig und distanziert, auf den Stil muss man sich einlassen können. Doch manche der Geschichten sind auch sehr witzig und skurril, ich musste öfters laut lachen. Genau diese Mischung macht die Qualität des Buches aus, das schon 1981 geschrieben wurde. Es entführt in eine Zeit, als Landwirtschaft noch bäuerlich geprägt war und nicht vom Profitstreben großer Konzerne bestimmt wurde, als die Menschen noch an Geister und Sagen und nicht an Fake News glaubten. Ich finde dieses Buch einfach bezaubernd, ein Wort, das mir nur selten in den Sinn kommt. Aber hier passt es!

Autor: Paul | Datum: 14.05.2019
Paul10 Stunden tot

Viel Krimi mit Spannung!

Viel zu lesen, viel zu merken, viele Personen und viele Handlungsstränge, das ist hier, gleich zu Beginn, die Zusammenfassung.

Fabian Risk ermittelt mit seinen Kollegen und Kolleginnen in einem sehr außergewöhnlichen Fall. Das Außergewöhnliche ist, dass der Mörder seine Morde mit Hilfe verschiedener Würfel plant, nach deren Würfelergebnis er sich bei seinen Morden richtet. Das weiß aber nur der Leser und ist damit gewissermaßen gegenüber Risk im Vorteil. Für Risk und seine Kollegen/innen ergibt sich kein System oder auch nur der Schimmer eines Motivs.

Viele verschiedene Handlungsstränge, viele Namen stellen hohe Ansprüche an den Leser. Da sind zum Beispiel private Schwierigkeiten bei Risk und seiner Familie oder die Bedrohung einer Kollegin durch eine Nazi-Gruppe. Da ist der Tod eines Kollegen unter rätselhaften Umständen, der Verdacht gegen einen anderen Kollegen und ... Also, wie gesagt, viele Personen und viele Handlungsstränge, eigentlich Fehler, wie man sie bei Anfängern findet. Dass Anhem kein Anfänger ist, merkt man daran, dass man dennoch die Übersicht behält. Anhem hat einen spannenden Krimi geschrieben.

Autor: Paul | Datum: 08.05.2019
PaulDer Zopf meiner Großmutte

Ein Zwei-Tage-Buch!

Ja, das ist es: Ein Zwei-Tage-Buch. Das passiert manchmal, dass ich ein Buch in zwei Tagen durchlese, weil ich es zwischendurch nur sehr schlecht weglegen kann.

Der kleine Max hat es nicht leicht mit seiner Großmutter, die in für einen leicht idiotischen und kränklichen Jungen hält. Er muss angeblich vor vielen Bakterien und Viren und gefährlichen Situationen geschützt werden. Da isst die Großmutter seinen Geburtstagskuchen lieber selbst auf, weil das Essen eines Stücks Kuchen Max schaden könnte.  Der Großvater scheint bei seiner Frau unter dem Pantoffel zu stehen. Aber das scheint nur so. Jedenfalls verliebt er sich in eine andere und bald ist ein Kind unterwegs, also quasi ein Onkel von Max. Und was macht die Großmutter? Das soll hier nicht verraten werden.

Max und seine Großmutter ergänzen sich ausgezeichnet. Die Großmutter hält ihn für debil und kränklich. Darin sieht sie wohl ihre eigene Daseinsberechtigung, weil sie ihn so überzogen fürsorglich bemuttern kann. Und Max, der in Wirklichkeit vollkommen gesund und sehr intelligent ist, tut ihr den Gefallen und reagiert so, wie sie es von ihm erwartet.

Es gibt den Ausdruck, den Bogen zu überspannen. So ähnlich überspannt Alina Bronsky hier ihre Geschichte und die Dialoge. Aber es ist herrlich überspannt und sehr amüsant zu lesen.

Sie werden sehen: Es ist ein Zwei-Tage-Buch.

Autor: Mathildis | Datum: 01.05.2019
MathildisErziehung prägt Gesinnung

Wie konnte ein Sandkastenrowdy wie Donald Trump zum Präsidenten der USA aufsteigen? Warum wählen so viele Männer mittleren Alters in eigentlich gut situierter Umgebung die AFD?

Dies sind nur zwei Fragen, mit denen sich der renommierte Kindheitsexperte Herbert Renz-Polster in diesem Buch beschäftigt. Einfache Antworten wie soziale Benachteiligung, hohe Arbeitslosigkeit oder das Gefühl des abgehängt Seins greifen nicht, wenn man sieht, dass zum Beispiel in einigen Gegenden Niederbayerns mit einer hervorragenden Wirtschaftslage der Anteil der AFD-Wähler überproportional hoch war.

Renz-Polster bohrt tiefer und weist nach, dass ein autoritärer Erziehungsstil mit Gewalterfahrungen, Unterdrückung der kindlichen Triebe und starker Kontrolle die Anfälligkeit für populistische Botschaften verstärkt. So korreliert zum Beispiel in den USA das Wahlergebnis in den Staaten, in denen die Prügelstrafe nicht verboten ist und zur täglichen Erfahrung von Kindern gehört, mit einem hohen Wahlergebnis für Trump.

Das Buch ist klug geschrieben, wissenschaftlich fundiert und gut verständlich. Viele Sätze möchte man dick unterstreichen. Bessere Bildung allein, wie von vielen gefordert, wird das Problem nicht lösen. Das Schlagwort muss "bessere Erziehung" lauten: eine gewaltfreie Erziehung zu einem selbstbewussten, freien Menschen ist das beste Mittel gegen den zunehmenden Populismus und Autoritarismus. Das stimmt für Deutschland hoffnungsvoll, allerdings sieht es in anderen Ländern leider erheblich anders aus.

Ein unbedingt lesenswertes Buch!

Autor: Mathildis | Datum: 24.04.2019
MathildisMein Ostfriesland

Klaus-Peter Wolf ist bekannt geworden durch seine Ostfrieslandkrimis mit der Ermittlerin Ann Kathrin Klaassen und dem Serienmörder Dr. Sommerfeld, aber auch durch Kinderbücher, die er zusammen mit seiner Frau Bettina Göschl schreibt („Die Nordseedetektive“). Er kennt Ostfriesland wie seine Westentasche und man findet vor Ort genau die Straßen und Plätze, die in seinen Büchern vorkommen. Was liegt da näher als ein Buch über das beliebte Urlaubsland an der Nordseeküste zu schreiben?

Gemeinsam mit dem Journalisten Holger Bloem (der auch in den Romanen leibhaftig erscheint) hat Wolf nun ein Buch auf den Markt gebracht, das die Landschaft, Gebräuche und einige der Krimitatorte, aber auch Personen aus der Region und tolle Fotos vereint. Dazu gibt es Rezepte aus dem Restaurant „Smutje“ und Steckbriefe der Personen, die in den Krimis vorkommen. Das Buch ist wie ein Lesebuch locker aufgebaut, man liest es nicht von vorn bis hinten weg, sondern schmökert mal hier und mal da.

Eine witzige Zusammenstellung für alle Ostfrieslandkrimifans und Liebhaber der Nordseeküste!

Autor: Mathildis | Datum: 17.04.2019
MathildisDie Angehörigen
Gene hat seine Frau Maida verloren, mit der er lange verheiratet war und mit der er eine gemeinsame Tochter und eine Enkelin hat. Er durchlebt die üblichen Phasen der Trauer, seine Tochter hilft ihm bei der Organisation einer Trauerfeier, seine Freunde Ed und Gayle unterstützen ihn in den täglichen Belangen.
 
Als er eine Haushälterin einstellt, beginnen die beiden eine kurze Liebesbeziehung. Doch dann verlässt sie ihn und Gene zieht sich in die Einsamkeit einer Hütte am See zurück, in der er glückliche Stunden mit seiner Familie und seinen Freunden verbracht hat, und denkt über sein Leben nach. Das Ende bleibt offen.
 
In diesem Buch passiert sehr wenig, es besteht vorwiegend aus den Reflexionen Genes über seine Vergangenheit. Manchmal fand ich das Buch sehr ermüdend und langatmig. Der Stil erinnerte mich an die Bücher von Meg Wollitzer, ohne aber deren Klasse zu erreichen. Man muss sich für dieses Buch Zeit nehmen, aber es hat mich nicht ganz überzeugt.
Autor: Paul | Datum: 10.04.2019
Paul

Ein Käfig ist ein Käfig, auch wenn er golden ist.

Matilda ist Faye. Oder besser gesagt, Faye war Matilda. Matilda hat Fjällbacka verlassen und will in Stockholm studieren. Sie lässt ihre Vergangenheit hinter sich. Das wird auch dadurch deutlich, dass sie Faye als Namen benutzt. Mit dem Namen Matilda hat sie ihre Vergangenheit abgelegt. Was in der Vergangenheit passiert ist, erfahren wir erst so nach und nach in persönlichen Rückblicken.

In Stockholm lernt Faye Jack kennen. Sie hilft ihm beim Aufbau einer erfolgreichen Firma und er heiratet Faye. Die Ehe erweist sich bald als goldener Käfig. Aber der Ausbruch aus dem Käfig ist nicht so einfach, weil Faye ihrem Mann hörig ist und irgendwelche Fehler nur immer bei sich aber niemals bei ihm sucht.Damit ist der Inhalt der ersten Hälfte des Buches beschrieben. Wie es Faye dann mit Hilfe ihrer Freundin Chris und einer Leidensgenossin namens Kerstin gelingt, doch noch aus dem Käfig auszubrechen und den Spieß umzudrehen, finden wir in der zweiten Hälfte des Buches.

Camilla Läckberg schreibt flüssig und ist gut zu lesen. Die Anzahl der handelnden Personen ist gut überschaubar. Sie macht nicht den Fehler, den man oft in Romanen findet, wo man den Verdacht hat, dass die Autoren/innen die Qualität des Romans an der Anzahl der auftretenden Personen festmachen wollen. Läckberg beschreibt quasi drei Erzählstränge nebeneinander her. Die Haupterzählung ist die Gegenwart, also Fayes Ehe und die Zeit danach. Hier beschreibt Läckberg das Geschehen mit Faye in der Hauptrolle. Zwischendurch erfahren wir (durch Überschriften kenntlich gemacht) etwas über Fayes (Matildas) Vergangenheit in Fjällbacka. Hier tritt Faye als Erzählerin auf. Und eingestreut an wenigen Stellen finden wir (durch eine andere Schriftart kenntlich gemacht) kurze Hinweise in rätselhafter Form als Vorgriff auf das Ende des Buches.

Das hört sich jetzt etwas kompliziert an. Aber es ist leicht zu durchschauen und man behält immer den Überblick. Spannung bis zum Schluss bis zur überraschenden Aufklärung. Leseempfehlung!

Autor: Mathildis | Datum: 03.04.2019
Mathildis

Giulia und Anita wachsen gemeinsam in einem kleinen Ort im Piemont auf. Während Giulia zusammen mit ihrer harten Mutter in Armut lebt, findet sie bei Anitas Familie Zuwendung und Wärme. Doch dann entzweien sie sich, denn sie lieben denselben Mann und Giulia entschließt sich nach Amerika auszuwandern. Erst nach über 45 Jahren kehrt sie zurück. Da ist der Zweite Weltkrieg gerade zu Ende gegangen und Giulia kommt in ein zerstörtes Land.

Vor dem Hintergrund der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entfaltet Raffaella Romagnolo die Geschichte von zwei Familien mit allen ihren Höhen und Tiefen. Während Giulia in New York einen guten Mann findet und mit ihm zusammen eine Kette von Läden aufbaut, erlebt Anita zwei Weltkriege mit und muss um ihren Sohn und viele andere Familienangehörige trauern.

Das Buch hat mich sehr bewegt, das harte Leben der einfachen Menschen, die Niedertracht der Ausbeuter, die sich ihre Taschen vollstopfen, ohne die Not der kleinen Leute zu sehen, das Leid der Kriege, alles beschreibt Romagnolo intensiv und detailreich. Ihren Schreibstil fand ich gut lesbar, allerdings auch anspruchsvoll. Kein Buch für nebenbei, denn man muss sich bei der Vielzahl von Figuren schon konzentrieren.

Zuerst hat mich der Titel des Buches etwas befremdet, aber dann erfuhr ich, dass es sich um ein altes Lied der Partisanen im Kampf gegen den "Duce" handelt und das passt dann wieder.

Insgesamt ist dies ein Buch, das ich jedem ans Herz lege, der sich für die neuere Geschichte interessiert. Die Kombination von Historie und persönlichem Schicksal finde ich sehr gelungen und spannend, oft auch sehr berührend und niemals kitschig. Dabei ist das Buch sehr politisch und bildet ein Stück Zeitgeschichte faszinierend ab.

Autor: Paul | Datum: 27.03.2019
Paul

Überraschend interessant!

Rheinblick ohne Rheinblick! Die Kneipe von Helga Kessel hat zwar keinen Rheinblick, aber einen direkten Blick auf den Bundestag zu Bonner Zeiten. Daher ist ihre Kneipe auch ein Treffpunkt der Politiker alle Couleur. Da werden die aktuellen politischen Verhältnisse besprochen und Pläne geschmiedet. Helga hält sich dabei wohlweislich immer zurück, wenn sie um ihre Meinung gefragt wird, jedenfalls fast immer.

Die Handlung spielt zu der Zeit, als Willi Brandt zum Bundeskanzler gewählt ist. Doch er muss sich einer Operation unterziehen und darf danach einige Zeit lang nicht sprechen. Da kommt die zweite Hauptperson Sonja Engel ins Spiel. Sie soll dem neu gewählten Kanzler als Therapeutin helfen, seine Stimme wieder zu bekommen. Aber da sind noch viele weitere Personen, die sich da in Bonn ein Stelldichein geben. Da geht es um Intrigen und gebrochene Versprechen. Sogar ein Mord ist geschehen. Ob da eine Spur in politische Kreise führt?

Ich hatte mir von einem Buch zu einem politischen Thema aus Bonn nicht sehr viel versprochen, wurde aber positiv überrascht. Brigitte Glaser schafft es, viele kleine Schauplätze und viele verschiedene Gruppen und Grüppchen handelnder Personen in kurzen Kapiteln so übersichtlich darzustellen, dass man nie den Zusammenhang verlieren kann. Ich habe schon einige Bücher gelesen, bei denen weniger Personen auftraten und ein heilloses Wirrwarr entstand, das einen nicht durchblicken ließ. Immer wieder musste ich dann zurückblättern, um den Zusammenhang wiederzufinden.Hier jedoch schafft Brigitte Glaser es mit Leichtigkeit, dass der Leser immer im Geschehen bleibt. Sie zeichnet ihre Personen alle, auch die weniger wichtigen Neben-Personen, liebevoll und sehr markant, so dass es einfach ist, trotz (oder wegen?) der kurzen Kapitel den Faden nicht zu verlieren.

Ein Blick hinter die Kulissen des politischen Treibens in Bonn aber auch ein Blick auf viele "normale" Menschen mit ihren eigenen Empfindlichkeiten. Viele reale Personen der Geschichte und einige dazu erfundene Personen ergeben eine rundum gelungene und lesenswerte Geschichte.

Autor: Mathildis | Datum: 19.03.2019

Erschreckend!

Zwei Plots, die am Ende zusammengeführt werden, finden wir im Buch: Da ist Carl, der "Titelheld", also der sogenannte Patriot. Er sieht die Welt auf eine sehr beschränkte Weise. Als Rechtsradikaler bekämpft er gemeinsam mit zwei Freunden Journalistinnen und Journalisten, die für ein liberales Schweden in Fragen der Migration eintreten.

Zum anderen ist da August, der vor vielen Jahren nach einer Straftat aus Schweden weggegangen ist und unter anderem in der Fremdenlegion gedient hat. In Chile werden seine Frau und sein bester Freund umgebracht. Daraufhin beschließt August wieder nach Schweden zurückzugehen.

Die Journalistin Amanda ist dann die Person, in der die beiden Erzählstränge zusammen kommen. Sie ist Augusts frühere Freundin und außerdem steht sie auf der Todesliste von Carl. So kommt es dann zum spannenden Finale.

Pascal Engman bringt die Gedankengänge Carls sehr dicht an den Leser heran. Fast unbeteiligt beschreibt er, wie Carl seine abstrusen Folgerungen vorträgt, mit denen er seine Kumpane immer wieder auf seine Richtung einschwört. Erschreckend ist es an dieser irrealen Gedankenwelt Carls teilzuhaben, die für ihn und seine Gleichgesinnten einfach nur normal ist.

Ein Buch, dass die Bezeichnung Thriller zu Recht trägt. Für Leser und Leserinnen, die es nicht ganz so brutal mögen, aber nicht zu empfehlen.