Buchtipps

Autor: Paul | Datum: 20.11.2019
PaulJussi Adler-Olsen: Opfer 2117

Alte Bekannte aus dem Sonderdezernat Q

Ein Wiedersehen mit alten Bekannten wie Carl, Rose, Assad und den anderen aus dem Sonderdezernat Q in Kopenhagen.

Ausgangspunkt ist der Tod einer Frau, die in einem Flüchtlingsboot am Strand von Zypern angeschwemmt wird. Es stellt sich heraus, dass diese Frau erstochen wurde und nicht ertrunken ist. Joan, ein spanischer Journalist, sorgt dafür, dass ein Foto dieser Frau in der Presse veröffentlich wird. In der Zählung der Todesopfer unter den Flüchtlingen im Mittelmeer ist die Frau das Opfer 2117.

Jetzt entwickeln sich zwei verschiedene Erzählstränge. Einmal ist da Alexander, ein junger Mann, dessen einziger Lebensinhalt ein Computerspiel ist. In diesem Spiel will er das Level 2117 erreichen und dann mit seinem Samurai Schwert möglichst viele Menschen töten, um damit auf den Tod der Frau hinzuweisen.

Zum anderen entdeckt Assad vom Dezernat Q auf dem Foto seine Frau und eine seiner Töchter, von denen er vor 17 Jahren unter grausamen Umständen getrennt wurde. Jetzt will Assads schlimmster Feind aus der damaligen Zeit, sich mit Hilfe der Frauen an Assad rächen.

Wir erfahren (endlich) etwas über die geheimnisvolle Vergangenheit Assads. Auch Rose ist wieder mit von der Partie. Es entwickelt sich ein Fall, der nicht auf Kopenhagen beschränkt ist, sondern dessen Schauplätze sich über mehrere Länder Europas erstrecken.

Adler-Olsen schafft es, dass man trotz der vielen handelnden Personen und der vielen Schauplätze, die Übersicht behält und den Zusammenhang nicht verliert. Er schreibt auf seine gewohnte Weise sehr spannend. Ich kenne die Vorgängerbände. Insofern war es einfach, sich zurecht zu finden. Jemand, der die früheren Bände der Reihe nicht kennt, hat es da sicher etwas schwieriger. Es empfiehlt sich jedenfalls, die anderen Bücher gelesen zu haben.

Autor: Mathildis | Datum: 13.11.2019
MathildisMarkus Zusak: Nichts weniger als ein Wunder

 Ich bin kein Freund von Esoterik und so hätte mich der Titel eigentlich eher abgeschreckt, wenn ich nicht viel Gutes über das erste Buch von Markus Zusak ("Die Bücherdiebin") gehört hätte. Der deutsche Titel scheint mir nicht besonders gut zu passen, der englische Titel "Bridge of Clay" gefällt mir erheblich besser.

Es geht um die Geschichte der fünf Dunbar-Brüder Matthew (er ist der Erzähler dieses Buches), Rory, Henry, Clay und Tommy, deren Mutter früh gestorben ist und deren Vater die Kinder in seiner Trauer allein lässt und verschwindet. Der siebzehnjährige Matthew versucht den Alltag mit fünf wilden, pubertierenden Jungen aufrechtzuerhalten und den Anschein von Normalität herzustellen. Als eines Tages der Vater (von den Jungen nur "der Mörder" genannt) auftaucht und um Hilfe beim Bau einer Brücke an seinem Anwesen bittet, folgt nur Clay dieser Bitte und zieht zum Vater. Es wird mehr als eine Brücke gebaut...

Die ersten zwanzig Seiten sind mir schwergefallen, denn man muss sich erst in Zusaks Stil einlesen. Er schreibt sehr assoziativ, spontan und wechselt oft zwischen den Zeiten hin und her. Doch das Durchkämpfen lohnt sich, man wird mit einer wunderbaren Geschichte belohnt, die so viel mehr ist als nur eine Erzählung über den Bau eine Brücke. In einer oft sehr direkten, manchmal sehr poetischen Sprache zeigt Zusak das Leben mit allen seinen Hoch- und Tiefpunkten, Freude, Trauer, Schuld und den Wert der Familie.

Das Buch ist eines der wenigen Bücher, die man nicht einfach weglesen und vergessen kann, es wirkt in seiner Eindringlichkeit lange nach. Durchhalten lohnt sich!

Autor: Paul | Datum: 06.11.2019
PaulCay Rademacher: Ein letzter Sommer in MéjeanCay Rademacher: Ein letzter Sommer in Méjea

Ein gemächlicher Roman

Vor dreißig Jahren ist ein Mord in Méjean geschehen. Damals verbrachten 6 junge Deutsche, Claudia, Dorothea, Oliver, Barbara, Rüdiger und Michael, nach ihrem Abitur ein paar Tage in Méjean. Michael wurde am Strand erschlagen. Die Polizei konnte den Mord nicht klären.

Nach dreißig Jahren werden die restlichen 5 durch geheimnisvolle Briefe wieder nach Méjean gezwungen. In diesen Briefen wird ihnen versprochen, der Mörder werde jetzt entlarvt. Ein weiterer Brief geht an die Polizei. Commissaire Renard aus Marseille wird beauftragt, in diesem alten Fall nachzuforschen.

Der Roman bewegt sich auf zwei Zeitebenen: Heute und vor dreißig Jahren. Die Rückblenden auf die frühere Zeit sind raffiniert gestaltet. Immer wenn der Commissaire mit einer der Personen spricht, kommt statt deren Antwort eine entsprechende Schilderung der damaligen Vorgänge. Die ist auch drucktechnisch abgehoben (kursiv).

Rademacher legt einen gemächlichen Schreibstil vor. Nichts ist reißerisch aufgemacht. Selbst bei eigentlich aufregenden und gefährlichen Szenen behält er diesen Stil bei und die Szenen wirken harmlos. Einen breiten Raum nimmt die Darstellung der verschiedenen Charaktere und ihrer vielfältigen Beziehungen zueinander ein.

Zusammengefasst ein handwerklich guter, aber unaufgeregter Kriminalroman.

 

Autor: Paul | Datum: 21.10.2019

Subtile Spannung

Rita arbeitet als Verkäuferin im Supermarkt. Eines Tages macht sie in einem Karton mit Bananen einen Fund, der ihr ganzes Leben verändern wird. Schließlich findet man eine verkohlte Leiche in Ritas Auto. Sie wird anhand des Zahnschemas als Rita identifiziert. Ein Racheakt der Albaner?

Der Ermittler der Mordkommission will die Vorgänge genauer aufklären und erkunden, was Rita für eine Persönlichkeit war und wie Ihre Handlungen zu erklären sind. Er führt Gespräche mit allen Personen, die Rita kannten.

Aichner hat das Buch raffiniert aufgebaut. Die Kapitel spielen abwechselnd in der Gegenwart und der Vergangenheit. Die Gegenwart bilden die Gespräche des Kommissars mit den einzelnen Personen. Sie sind ungewöhnlich aufgebaut. Nur die Aussagen und Fragen der beteiligten Personen ohne nähere Hinweise und ohne Anführungszeichen. Nur Spiegelstriche strukturieren das Gespräch. Immerhin wissen wir durch die Kapitelüberschrift, wer sich da unterhält.

Die Kapitel dazwischen enthalten die Vergangenheit aus der Sicht Ritas. In raffinierter Weise vom Geschehen her mit den Gesprächen in den Kapiteln vorher oder hinterher verknüpft. Das Buch hat einen subtilen Spannungsbogen. Nicht Effekthascherei bestimmt die Spannung. Sie ist quasi unterschwellig aber deutlich vorhanden, bis zum Ende, das eine gewisse Überraschung bereit hält.

Ein Buch, das ich an zwei Abenden durchgelesen habe, weil ich es nicht aus der Hand legen konnte.

Autor: Mathildis | Datum: 14.10.2019

Axel Hacke kennt man als Journalisten aus der Süddeutschen Zeitung und als Autor zahlreicher Bücher zu allen möglichen Themen, z.B. "Der weiße Neger Wumbaba". Er schreibt immer leicht und locker, auch wenn es um schwierige Themen geht und hat eine eindeutige demokratische Haltung.

Dieses Buch ist ein Monolog. Der Protagonist Walter Wemut schreibt Nachrufe in einer Zeitung, manchmal über berühmte Persönlichkeiten, manchmal über die Putzfrau von nebenan. Nun soll er zum 80. Geburtstag einer Freundin eine Rede über deren gelungenes Leben halten und nutzt diese Gelegenheit, um über das Leben an sich und in seinen vielen Facetten nachzudenken. Ihm fallen Alltagsbegegnungen ein, mit dem Zeitungsverkäufer, alten Freunden, die man aus dem Blick verloren hat, aber auch Erinnerungen an die Kindheit und Jugend und an Philosophen, die seinen Weg begleitet haben.

Das Buch enthält viele Zitate, man merkt schnell, dass Hacke eine klassische humanistische Bildung genossen hat. Aber die Interessen reichen viel weiter, bis zu Leonard Cohen und George Harrrison. Immer geht es um die Frage: "Was macht ein gelungenes Leben aus?" Erfolg, Geld, Liebe, Freunde?

Trotz aller Philosophie kann man das Buch leicht lesen und wird dabei auch noch klüger und erhält Denkanstöße in verschiedene Richtungen. Deshalb muss man davor keine Angst haben.

Ich finde das Buch sehr lesenswert!

Autor: Paul | Datum: 08.10.2019

Ein Roman mit kriminalistischer Handlung

Van Veeteren aus Maardam ist mittlerweile 75 Jahre alt und im Ruhestand. Da wird er durch einen alten Fall, der gelöst schien, wieder quasi reaktiviert. Vor vielen Jahren waren in einer Pension 4 Menschen zu Tode gekommen. Sie hatten sich dort zu einem Wiedersehen versammelt und kamen um, als die Pension durch ein Feuer vernichtet wurde. Die vier gehörten zum sogenannten Club der Linkshänder. Ein fünftes Mitglied war auch bei der Wiedersehensfeier dabei gewesen und blieb verschwunden. Es lag damals nahe, dass dieses fünfte Mitglied der Mörder sein musste. Nach ca. 20 Jahren wird jetzt jedoch die Leiche des fünften Mitglieds gefunden. Es stellt sich heraus, dass es zur gleichen Zeit wie die anderen zu Tode gekommen ist und somit als Mörder ausscheidet.

Van Veeteren muss also einsehen, dass er damals den Fall nicht oder falsch gelöst hat, und macht sich unterstützt von seiner Lebensgefährtin Ulrike an die Lösung. Ein weiterer Mord in Schweden scheint mit dem Fall zusammen zu hängen. Kommissar Barbarotti aus Kymlinge und Van Veteren machen sich zusammen an die Arbeit, die Fälle zu lösen.

Wer einen Krimi im üblichen Sinne mit Spannung bis zur letzten Seite erwartet, wird bei diesem Roman enttäuscht. Nicht die Spannung steht bei Håkan Nesser im Vordergrund sondern die Charakterisierung der Personen, ihre Beziehungen zueinander. Amüsant ist immer wieder das Verhältnis von Van Veeteren mit Ulrike. Er spielt immer den, der eigentlich nichts mehr mit Kriminalfällen zu tun haben will, und lässt sich nur allzu gern von Ulrike überreden, sich doch damit zu beschäftigen. Das schildert Nesser in einem behäbigen Stil. Da kommt das Behäbige von Van Veeteren sozusagen stilistisch zum Ausdruck.

Die Zeitsprünge zwischen drei zeitlichen Ebenen sind etwas gewöhnungsbedürftig. Man kann Ihnen aber durch die Hinweise in den Überschriften einigermaßen gut folgen. An einigen Stellen wünschte ich mir, es würde etwas stringenter weiter gehen, wenn zum Beispiel zum wiederholten Male die Vorgänge in der Pension geschildert werden.

Man muss sich von der Vorstellung befreien, dass es sich um einen üblichen Krimi handelt, oder sogar um einen Thriller, denn darum handelt es sich hier keinesfalls. Es ist einfach ein Roman. Und als solcher gut geschrieben und lesbar. Ein Roman mit kriminalistischer Handlung.

Autor: Mathildis | Datum: 30.09.2019

Claire Lombardo: Der größte Spaß, den wir je hatten

Marilyn und David sind seit etwa 40 Jahren verheiratet und haben vier erwachsene und sehr unterschiedliche Töchter. In all den gemeinsamen Jahren haben sie Höhen und Tiefen in ihrer Beziehung erlebt und sind sich doch immer in Freundschaft und Liebe verbunden geblieben. Vorbildlich für ihre Töchter!

Die Älteste Wendy ist rebellisch und trinkt nach einigen Schicksalsschlägen zu viel, Violet hat zwei kleine Jungs und dafür ihre Karriere als Anwältin aufgegeben, Liza ist brav und unerwartet schwanger und Nesthäkchen Grace weiß nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Die Eltern kümmern sich ständig und die Töchter und ihre Familien, Kinder bleiben eben Kinder. Als plötzlich und unerwartet ein 15jähriger Junge auftaucht, den Violet nach seiner Geburt zur Adoption freigegeben hat, ist das eine harte Probe für die Familie. Jonah ist hübsch und cool, aber er hat kein Vertrauen zu den Menschen, weil er in Pflegefamilien und Heimen aufgewachsen ist, nachdem seine Adoptiveltern tödlich verunglückt sind. Nur langsam akzeptiert die Familie ihn und er sie.

Das Buch ist mit über 700 Seiten nicht gerade ein Leichtgewicht, aber man kann es gut und flüssig lesen. In Rückblicken wird immer wieder die langjährige Ehe von David und Marilyn beschrieben, die Geburt der Kinder und ihr Heranwachsen mit allen Sorgen und Problemen. Deshalb ist das Buch ein Familienroman im besten Sinne, manchmal ausschweifend und etwas langatmig, manchmal richtig spannend.

Lombardo erzählt sehr reflektiert und manchmal erscheint mir persönlich diese Selbstbespiegelung etwas zu viel und sehr amerikanisch. Aber insgesamt habe ich das Buch gern gelesen.

Autor: Paul | Datum: 23.09.2019
Paul„Laufen“ von Isabel Bogdan
Monolog mit einem Toten
 
"Der Pfau" war es eigentlich, der mich zum Lesen dieses Buches gebracht hat. Von "Der Pfau" war ich begeistert und deshalb gespannt auf dieses neue Buch. Als ich die Leseprobe las, wurde ich skeptisch. Eine Frau, die quasi während des gesamten Romans läuft und sich dabei in einem inneren Monolog an ihren verstorbenen Lebensgefährten wendet. Kann das lesenswert sein? Gut, dass ich es selbst ausprobieren konnte. Es ist lesenswert! Es ist sogar sehr lesenswert.
 
Das Buch ist wirklich bis auf eine kurze Stelle ein innerer Monolog, ein einseitiges Gespräch mit dem verstorbenen Lebensgefährten. Durch Laufen will die Protagonistin einige Monate nach dem Tode ihres Freundes mit dem Verlust fertig werden. So erfahren wir in diesem einseitigen Gespräch alles über die Vergangenheit, was es mit dem Tode ihres Lebensgefährten auf sich hat, was vorher geschehen ist, und auch, was während der einzelnen Läufe passiert beziehungsweise in der Zeit dazwischen.
 

Das ist auf eine so raffinierte Weise geschrieben, dass man am liebsten gar nicht das Lesen unterbrechen würde. Sogar der Satzbau spiegelt die Situation wider. Die Sätze erstrecken sich jeweils über mehrere Zeilen, oft fast über eine ganze Seite. Man liest quasi im Laufrhythmus, wobei der Text trotz der Satzlänge immer klar verständlich bleibt.

Was an Geschehnissen durch diesen inneren Monolog mitgeteilt wird, will ich hier lieber nicht schreiben, um nichts zu verraten. Nur so viel: Es ist nichts eigentlich Weltbewegendes sondern etwas, was in der gegebenen Situation zu erwarten ist. Das aber ist auf eine so hervorragende Art geschrieben, dass man das Buch nur empfehlen kann.

Autor: Mathildis | Datum: 18.09.2019
MathildisKathrin Heinrichs: "Aus dem Takt"

"Aus dem Takt" gerät der kleine gemischte Chor, in dem Hobbyermittler Vincent Jacobs mitsingt, als der Chorleiter nach der Probe mittels einer Drahtfalle von seinem Motorrad geholt wird und sich das Genick bricht.

Während die Mordkommission in Richtung militanter Motorradlärmaktivisten ermittelt, hat Vincent den Verdacht, dass persönliche Motive hinter der Tat stecken könnten. Doch dann werden auf dem Ochsenkopf bei Sundern und in der Nähe von Bestwig zwei weitere Drahtfallen gefunden und auch ein Verdächtiger ist zur Hand. Vincents Freund Max, der ebenfalls dem Ermittlerteam angehört, hat derweil mit ganz anderen Problemen zu kämpfen.

Das Thema Motorradlärm ist im Sauerland (und anderen Gegenden) in jedem Sommer sehr aktuell, denn viele Anwohner fühlen sich von den getunten und lärmenden Maschinen gestört. Da kocht oft genug Wut hoch. Kathrin Heinrichs schildert das Problem sehr realistisch, sie weiß, wovon sie spricht. 

Auch in der Chorszene kennt sie sich aus, die aussterbenden Männerchöre oder die neuen gemischten Chöre nimmt sie liebevoll aufs Korn. Dabei erkennt jede Leserin und jeder Leser die Typen, die sich in der jeweiligen Szene tummeln: die eifrige Gerlinde, den smarten Manuel, die schüchterne Annika...

Der zehnte Vincent-Jacobs-Krimi ist aus drei verschiedenen Perspektiven geschrieben: einmal findet man Vincent Jacobs als Ich-Erzähler, dann liest man über die Ermittlungen der Mordkommission aus der Perspektive von Max und dann ist da noch ein geheimnisvolles Wesen, dessen Gedanken kursiv gedruckt sind und dessen Name sich erst ganz am Schluss herausstellt.

Das Buch ist wieder einmal ein gelungener und vergnüglicher Sauerlandkrimi, der die Menschen im Sauerland realistisch und gekonnt schildert. Dabei ist das Buch auch noch ziemlich spannend und die Lösung überraschend. Auch Sundern spielt in diesem Buch eine besondere Rolle und die Sunderaner (nicht die zungenverknotenden Sunderner!) werden sich sicher in der einen oder anderen Szene wiedererkennen.

Ein echtes Lesevergnügen nicht nur für echte Sauerländer!

Autor: Paul | Datum: 04.09.2019
PaulJo Nesbø: "Messer - Ein Fall für Harry Hole"

Harry Hole ist am Boden, denn seine Frau Rakel hat ihn verlassen und seinen Job an der Polizeihochschule hat er auch verloren. Er versucht sich die Wirklichkeit rosiger zu saufen. Da wird Rakel ermordet. Kann es sein, dass Harry selbst es im Suff gemacht hat? Oder war es Svein Finne, ein notorischer Vergewaltiger, den Harry einst hinter Gitter gebracht hatte?

Spannung ist das Stichwort, das den ganzen Roman durchzieht. Nesbø beschreibt den Fortgang der Handlung von verschiedenen Seiten, mit wechselnden Personen als Protagonisten. Dabei ist Harry Hole natürlich seine Hauptperson. Dessen Gedanken, seine inneren Zweifel, sein totaler Absturz stehen im Mittelpunkt.

Das Buch ist leicht zu lesen und recht stringent geschrieben. Kein Hin- und Herspringen in verschieden Erzählebenen. Rückblicke sind plausibel und passend eingesetzt. Nesbø schafft es mühelos, Spannung literarisch hochwertig zu servieren, bis zum überraschenden und ungewöhnlichen Ende.

Autor: Paul | Datum: 21.08.2019
Paul „Verratenes Land“ von Greg Iles

Spannende 830 Seiten

Pulitzer Preisträger Marshall McEwan kommt nach 30 Jahren wieder zurück in seine Heimatstadt Bienville am Mississippi. Sein Vater liegt im Sterben. Weil dieser die örtliche Zeitung, die schon seit langer Zeit im Besitz der Familie ist, wegen seiner Krankheit nicht mehr leiten kann, will Marshall sich darum kümmern.

Dann gibt es da in Bienville noch den sogenannten Bienville Pokerclub. Es sind 12 Männer, die selbstherrlich über die Stadt bestimmen. Eine Papierfabrik soll auf einem Gelände gebaut werden, auf dem Buck Ferris, der Ziehvater von Marshall alte Indianersiedlungen vermutet, die er ausgraben möchte.

Buck Ferris kommt plötzlich durch einen mysteriösen Unfall zu Tode. Der Verdacht liegt nahe, dass der Pokerclub dahinter steckt.

830 Seiten umfasst der Roman. Ich hatte mich schon auf einige Tage Lesezeit eingestellt. So viele Seiten brauchen halt ihre Zeit. Aber dann ging es doch recht schnell. Und woran lag das? Iles schafft das Kunststück, über die enorme Länge der Geschichte einen Spannungsbogen aufzubauen und zu halten, dass ich das Buch in jeder freien Minute zur Hand genommen habe.

Iles erzählt aus der Sicht von Marshall McEwan. Immer wieder baut er Rückblicke auf die Vergangenheit ein. Zu Anfang dachte ich noch, was sollen diese Rückblicke? Die halten den Fortgang der Geschichte nur auf. Aber es wird schnell klar, dass durch die Erlebnisse in der Vergangenheit das Handeln der Personen in der Gegenwart sehr stark bestimmt wird.

Überhaupt, die Personen: Es sind sehr viele Personen, die eine Rolle spielen. Da geschieht es sehr leicht, dass man die Übersicht verliert. Wie oft habe ich schon in anderen Romanen zurück geblättert, um mich bei den Personen wieder zurecht zu finden. Iles gelingt das Kunststück, dass der Leser trotz der vielen handelnden Personen leicht den Überblick behält.

Es gab mal einen "Literaturpapst", der Romane über 500 Seiten, ohne sie gelesen zu haben, per se als schlecht bezeichnete. Bei Iles Buch haben wir ein Beispiel, dass Romane mit großem Umfang nicht automatisch schlecht sein müssen. Hier ganz im Gegenteil!

Autor: Mathildis | Datum: 14.08.2019
"Unterwegs" von Franz MünteferingMathildis

Es kommt nicht oft vor, dass ein Sunderaner ein Buch in einem großen Verlag veröffentlicht und damit dann auch noch auf der Spiegel-Bestsellerliste landet. Franz Müntefering, dem gebürtigen Sunderaner und Ehrenbürger unserer Stadt, ist es gelungen.

Im Stil eines Lesebuchs, das man nicht von vorn bis hinten durchliest, sondern sich ab und zu mal ein Kapitel zu Gemüte führt, schreibt der ehemalige SPD-Chef und Vizekanzler seine Gedanken zum Leben, zum Älterwerden, zu seiner Beziehung zu Demokratie und Freiheit.

Müntefering hat ja auch in seinen Reden einen ganz eigenen Stil, kurze Sätze, prägnant, bildhaft, so schreibt er auch hier. Dass er auch Humor kann, das merkt man in diesem Buch. In den Kapiteln geht es nicht nur um das Älterwerden, bei dem die drei großen L besonders wichtig sind: Laufen, Lernen, Lachen, sondern auch um seine Beziehung zu Büchern, das Aufwachsen nach dem Krieg im Sauerland oder um seine Sorge um die Sozialdemokratie. Engagiert nimmt er Stellung zu den Populisten, die die schweren Probleme unserer Zeit mit angeblich so einfachen Antworten lösen wollen und streitet wehrhaft für Demokratie. Auch das Thema Sterben nimmt ein großes Kapitel in dem Buch ein.

Man lernt in diesem Buch überraschende Seiten an dem Politiker, der sich heute besonders für die Seniorenpolitik einsetzt, kennen und muss manchmal schmunzeln. Oft aber gibt er Denkanstöße, über die es sich lohnt intensiver nachzudenken und zu diskutieren.

 

Autor: Mathildis | Datum: 08.08.2019

Ich mag zwar die Bücher von Karin Slaughter, aber bisher wurde ich mit der Reihe um Will Trent nicht ganz warm.

Das ist bei diesem Buch anders.

Während Will bei den Eltern seiner Freundin Sara Linton den Rasen mäht, geht nicht weit entfernt auf dem Gelände eines Krankenhauskomplexes eine Bombe hoch. Sofort eilen beide zum Tatort, um ihre Hilfe anzubieten. Doch unterwegs werden sie von einem fingierten Unfall gestoppt und Sara wird entführt, denn die Täter brauchen dringend eine Ärztin. Will muss hilflos zusehen. Alle Zeichen weisen auf eine Neonazigruppe hin, die erreichen will, dass der weiße Mann wieder die ihm angeblich zustehende führende Rolle in der Gesellschaft einnimmt, die ihm angeblich die Frauen und Einwanderer genommen haben. Während der Polizeiapparat fieberhaft nach den Tätern sucht, entdeckt Sara Schlimmes in dem Camp, in das man sie verschleppt hat, und Will versucht sie im Alleingang zu befreien.

Das Buch beschreibt das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven und immer wieder wird man durch diesen Perspektivenwechsel gebremst, das macht das Buch so ungeheuer spannend.

Autor: Paul | Datum: 25.07.2019
Paul"Die geheime Mission des Kardinals" von Rafik Schami

Ein kriminalistischer Roman!

Ein etwas anderer Kriminalroman.

Aber zunächst etwas zum Inhalt: im Jahre 2010 wird der italienischen Botschaft in Damaskus ein Fass geliefert. Darin in Olivenöl die Leiche des Kardinals Angelo Cornaro, der in einer Geheimmission in Syrien unterwegs war. Kommissar Barundi wird mit den Ermittlungen beauftragt. Da die Leiche der italienischen Botschaft geliefert wurde, wird aus Italien Commissario Marco Mancini hinzugezogen. Die beiden stehen vor einer schwierigen Aufgabe. Wie soll es ihnen gelingen bei den herrschenden syrischen Verhältnissen, die Mancini scherzhaft mit italienischen Verhältnissen vergleicht, die Schuldigen zu finden.

Ein etwas anderer Kriminalroman, wie ich in der Überschrift schrieb, ein kriminalistischer Roman. Ich meine damit einen Roman, der zwar eine Handlung hat, wie ein Kriminalroman, denn ein Mord ist geschehen und wird aufgeklärt. Aber ein großer Teil des Romans wird von der Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Syrien in Anspruch genommen, die von Diktatur und einem allmächtigen Geheimdienst überschattet sind. Ein weiteres wichtiges Gesellschaftsbild ist die die Beschreibung des Zusammenlebens der verschiedenen Religionen und Glaubensrichtungen. Die eigentliche Geschichte spielt sich in nur wenigen Wochen ab. Aber das Buch umfasst einen Zeitraum von vielen Jahren. Das gelingt Rafik Schami, indem er z. B. immer wieder Auszüge aus Barundis Tagebuch einblendet, in dem er nicht nur auf die Gegenwart sondern auch auf seine Vergangenheit eingeht.

Ein Krimi hat oft einen Spannungsbogen, der sich vom Beginn an immer mehr steigert und dann am Ende nach Aufklärung des Falls steil abfällt. bei Schami haben wir es in diesem Buch mehr mit einer gleichbleibenden Spannung zu tun. Nicht mal an der Stelle, als die beiden Kommissare in die Gewalt von Rebellen geraten, hatte ich den Eindruck, dass da die Spannung bemerkenswert stieg. Irgendwie weiß man, dass Schami seine Protagonisten schon gut durchkommen lassen wird.

Diese Art der Spannungsführung ist ungewöhnlich, passt aber sehr gut zu diesem Buch. Es lässt sich gut lesen. Auf jeden Fall eine Leseempfehlung.

Autor: Mathildis | Datum: 17.07.2019
Mathildis"Effingers" von Gabriele Tergit

Dieses Buch wurde in allen Feuilletons mit Lobeshymnen überschüttet. Und das zu Recht!

„Effingers“ erschien schon 1951 in einer kleinen Auflage und verschwand dann schnell wieder vom Markt, weil die Zeit dafür wohl noch nicht reif war. Nun ist eine neue Auflage erschienen und ein Überraschungserfolg.

Paul Effinger, Sohn eines frommen jüdischen Goldschmieds, geht 1878 aus seinem Heimatort Kragsheim in Franken nach Berlin, um dort sein Glück zu machen. Gemeinsam mit seinem Bruder Karl baut er eine Fabrik auf, stellt zuerst Schrauben, später Automobile her. Beide heiraten in die vornehme Bankiersfamilie Oppner ein und kommen damit in die gehobenen Berliner Kreise, in denen Geld keine Rolle spielt, aber Konvention alles ist. Die Männer der Familie gehen den Bankgeschäften nach, die Frauen kaufen ein und repräsentieren. Das wichtigste Ziel einer Frau ist es eine gute Partie zu machen, viele Ehen werden arrangiert. Doch irgendwann beginnt schleichend der Niedergang der Familien, als die jungen Leute Geschmack an neuen Ideen wie dem Kommunismus finden und die Frauen studieren oder einen Beruf ergreifen wollen. Auch bekommen sie den latenten Antisemitismus zu spüren, der sich durch alle Schichten der Gesellschaft zieht. Als die Nationalsozialisten erstarken, wird die Lage immer schwieriger.

Über vier Generationen zeichnet das Buch den Weg der Familien nach, von der Aufbruchstimmung der Gründerzeit über den 1. Weltkrieg bis zum Nationalsozialismus mit allen Schrecken.

Knapp 900 Seiten in 151 Kapiteln sind nicht einfach zu füllen, aber Gabriele Tergit gelingt es fast mühelos. Der Aufstieg und der tiefe Fall der Familien Oppner und Effinger wird historisch genau und sehr detailreich geschildert. Dabei ist ihr Stil sehr gut zu lesen und die Figuren werden fast zu guten Freunden und sehr lebendig. Tergit bedient sich einiger sehr raffinierter Stilmittel: wie ein Refrain wiederholen sich bestimmte Sätze im Laufe des Buches und geben ihm damit einen ganz eigenen Rhythmus.

Das Nachwort von Nicole Henneberg ordnet das Buch historisch ein und macht es noch einmal verständlicher. Manche Rezensenten verglichen  das Werk schon mit Thomas Manns „Buddenbrooks“.

Ein wirklich wunderbares Buch für alle, die die Geduld für ein so einen dicken „Wälzer“ haben.

 

Autor: Mathildis | Datum: 10.07.2019
Mathildis1793 von Niklas Natt Och Dag

Ich bin eigentlich kein Fan von historischen Krimis, doch dieser hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen.

Stockholm ist 1793 eine Stadt im Umbruch, in Frankreich wütet die Revolution und nach dem Mord am König regiert ein korrupter Statthalter das Land, bis der Kronprinz volljährig wird. Überall herrscht die Angst vor einem Umsturz und die Eliten tanzen auf dem Vulkan, während das gemeine Volk im Elend lebt.

Das Buch spielt - wie der Titel schon sagt - im Jahr 1793, doch es ist nicht chronologisch erzählt. Am Anfang steht im Herbst 1798 ein Toter, dem Beine und Arme amputiert wurden und dem Zähne, Zunge und Augen entfernt wurden. Der Stadtknecht Mickel Cardell muss sich um den Todesfall kümmern und er erhält Unterstützung von Cecil Winge, einem lungenkranken Juristen, der dem Tode nahe ist. Der zweite Teil spielt im Sommer und ist eine Art Briefroman des Feldscherlehrlings Kristofer Blix, währen man im dritten Teil (Frühjahr) die grausame Geschichte der jungen Maja Knapp erfährt. Erst im vierten Teil (Winter) werden alle Erzählstränge zusammengeführt.

Das Buch ist hervorragend geschrieben, die Sprache ist faszinierend und die Spannung wird über das ganze Buch gehalten. Ein Buch, das man kaum aus der Hand legen kann, trotz der vielen grausamen Szenen, die das Leben im Jahr 1793 genau beschreiben. Dahinter steckt viel Recherchearbeit. Die Sprache ist nur wenig altertümlich, das erleichtert das Lesen.

Ich bin froh, dass ich das Buch trotz der Vorbehalte gelesen habe und empfehle es jedem Krimifan!

Autor: Mathildis | Datum: 19.06.2019
MathildisAll die unbewohnten Zimmer

Als Ani-Fan kam ich natürlich nicht an dem neuen Buch vorbei.

In diesem Buch begegnet man drei alten Bekannten aus Anis vorigen Romanen wieder: dem Vermisstensucher Tabor Süden, dem ehemaligen Mönch und Kriminalkommissar Polonius Fischer und dem Überbringer von Todesnachrichten Jakob Franck. Dazu kommt die Halbsyrerin Fariza Nasri. Sie alle haben in München mit zwei Fällen zu tun, die sehr diffizil sind.

Eine Frau wurde erschossen, ein Polizist schwer verletzt, die Suche nach dem Täter gestaltet sich zuerst schwierig. Kurze Zeit später wird am Rande einer Neonazidemo ein junger Polizist mit einem Stein erschlagen, ein Verdächtiger ist verschwunden. Unter hohem Druck der Öffentlichkeit, der Politik und der Medien müssen Fischer und Nasri ermitteln und bekommen unerwartet Hilfe von Franck und Süden.

Anis Bücher sind immer besonders, sie entsprechen nicht dem üblichen Krimigeschehen, denn dafür taucht Ani zu tief in das Seelenleben seiner Figuren ein. Da ist nichts oberflächlich und effektheischend, die Figuren sind in ihrer ganzen Gebrochenheit scharf gezeichnet. Dabei zeigt Ani in seinen Büchern eine starke politische Haltung. Anis Stil ist sicher gewöhnungsbedürftig, aber seine Sätze sind manchmal wie Monumente, manchmal wie Federn so leicht. Man möchte sie immer wieder unterstreichen und aufschreiben.

Der Titel bezieht sich übrigens auf die Menschen, die in unserem Leben einen Platz hatten und daraus verschwunden sind, sie haben viele unbewohnte Zimmer zurückgelassen.

Ich halte dieses Buch für eines der besten von Friedrich Ani, unbedingt lesenswert, wenn man sich darauf einlassen kann.

 

Autor: Mathildis | Datum: 12.06.2019
Mathildis"Ein Sohn ist uns gegeben" von Donna Leon

Donna Leons achtundzwanzigster Fall für Commissario Brunetti bietet gewohnt solide Krimikost, ist allerdings auch etwas ungewöhnlich.

Erst einmal wird niemand ermordet, statt dessen kümmert sich Brunetti um einen alten Freund seines Schwiegervaters. Dieser reiche Freund namens Gonzalo ist schwul und möchte einen vierzig Jahre jüngeren Mann als seinen Erben adoptieren. Alle seine Freunde raten ihm ab, denn sie sind überzeugt, dass der junge Mann nur an Geld interessiert ist. Dann stirbt Gonzalo plötzlich und es soll eine Trauerfeier für ihn in Venedig stattfinden, zu der eine alte Freundin aus England angereist ist. Doch wenige Stunden später liegt die Frau tot in ihrem Hotel. Ein Mordfall für Brunetti...

Donna Leon beschreibt in ihren Büchern eine untergehende Welt, die der vornehmen Gentlemen, der höflichen Hotelmitarbeiter, der ergebenen Bediensteten. Das hat auch in diesem Buch seinen eigenen Reiz und ist leicht verschroben. Touristenmassen kommen nur ganz am Rande vor und ich habe meine Zweifel, ob es das beschriebene Milieu noch gibt. Trotzdem ist es immer wieder reizvoll in diese Welt einzutauchen und dem gemächlichen Gang der Dinge zu folgen. Leons Bücher sind wie alte Bekannte, die man nach langer Zeit wiedersieht.

Ein Buch für alle Brunetti-Fans und alle, die es noch werden wollen!