„Sprich mit mir“ von T. C. Boyle

Eine graue Zone
Die junge Studentin Aimee ist die zentrale (menschliche) Person des Buches. Die eigentliche zentrale Figur aber ist der junge Schimpanse Sam. Professor Guy Schermerhorn benutzt Sam, für ein Forschungsprojekt. In dieses Projekt kann Aimee einsteigen. Sie ist genau die richtige Person für die Betreuung von Sam. Die Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Sam ist bei ihr folgsam und lernwillig. Er lernt, sich in einer Gebärdensprache auszudrücken und mit den Menschen in eine Art Konversation zu treten. Dabei benutzt Boyle den Kunstgriff, dass er die Gebärden Sams jeweils als Worte in Großbuchstaben schreibt, so dass man sich die Konversation sehr gut vorstellen kann.

T. C. Boyle wechselt immer wieder die Sichtweise, aus der er die Geschichte erzählt. Teilweise, besonders zu Beginn, sind Abschnitte eingestreut, in denen aus der Sicht Sams berichtet wird, wie sich Sam in einem Käfig befindet, wo er sich überhaupt nicht zurecht findet. Denn er ist die Familienstruktur auf der Farm von Prof. Schmermerhorn gewohnt. Man fürchtet schon, dass dieser Käfigaufenthalt ein Vorgriff auf das Ende des Buches ist. Aber ohne zu spoilern kann ich sagen, dass sich die Käfige nur als eine zwischenzeitliche Episode darstellen.

Wo ist Sam anzuordnen? Ist er einfach nur ein Tier? Oder ist er mehr ein Mensch? Kann er menschliche Gedankengänge vollziehen? Hat er Vorstellungen von abstrakten Dingen? Kann er sich zum Beispiel etwas unter „Gott“ vorstellen? T. C. Boyle gibt darauf keine eindeutige Antwort. Sam befindet sich seiner Meinung nach in einer grauen Zone zwischen Schimpanse und Mensch. Die eigentliche Antwort ist dem Leser und der Leserin überlassen.

Ich habe das Buch sehr gern gelesen. Es lässt sich auch sehr gut lesen und ist trotz der sich verändernden Sichtweisen und zeitlichen Anordnungen sehr gut strukturiert.