Buchtipps

Autor: Paul | Datum: 01.02.2018

Paul meint: Viel kann auch zu viel sein.

Drei zeitliche Ebenen ziehen sich durch das Buch. Das Heute, wo ein vierjähriges Mädchen umgebracht wird. Die Zeit vor dreißig Jahren, als schon mal ein vierjähriges Mädchen umgebracht wurde. Dazu lebten beide Opfer auf demselben Bauernhof. Damals hatten sich zunächst zwei 13 Jahre alte Mädchen zur Tat bekannt, ihr Geständnis später aber widerrufen. Die dritte Zeitebene spielt vor dreihundert Jahren. Dabei geht es um Hexenverfolgung. Daher dann auch der Titel des Buches.

Diese dritte Ebene hätte ganz weggelassen werden können. Sie steht mit dem anderen Inhalt des Buches überhaupt nicht in Verbindung. Erst im Epilog wird krampfhaft versucht eine Verbindung zu konstruieren. Ich habe nach einiger Zeit, als ich merkte, dass es sich um eine quasi eigenständige Geschichte handelt, diese Teile nacheinander bis ans Ende des Buches gelesen. Ich habe den Eindruck Camilla Läckberg hat diese Geschichte, die sie vielleicht irgendwie herumliegen hatte, auf diese Weise verwertet.

Es ist nicht nur diese alte Zeitebene, die meiner Ansicht nach zu viel ist. Gleich auf den ersten Seiten wird man von einer Vielzahl von handelnden Personen gleichsam erschlagen. Ich musste mehrfach zurückblättern, um zu schauen, wer ist das denn eigentlich. Erst so etwa ab der Hälfte des Buches gewann ich dann langsam einen Überblick. Es wäre besser gewesen, wenn die Personen behutsamer eingeführt würden. Auch wäre vielleicht so was wie eine Namensübersicht im Anhang ganz nützlich.

Zu viel ist meiner Ansicht nach in das Buch auch bei der Handlung, die im Heute spielt, hineingepackt worden. Da sind die Flüchtlinge, der aufkommende Rechtsradikalismus, da ist der Segelkurs, eine Hochzeit mit Überraschung, die alternde Schauspielerin, ein homosexuelles Paar und ein lesbisches Paar, der dominante Vater, die duckmäuserische  Mutter, Mobbing durch Schülerinnen und Schüler,... Muss denn alles hineingepackt werden? Etwas Verschlankung hätte dem Buch gut getan.

Camilla Läckberg kann schreiben. Wenn man die Durststrecke am Anfang überwunden hat, liest sich das Buch ganz angenehm. Ich empfehle, die Abschnitte, die mit "Bohuslän xxxx" überschrieben sind, einfach auszulassen. Sie verwirren nur und haben mit dem Kriminalfall bzw. den Kriminalfällen nichts zu tun.

Autor: Mathildis | Datum: 29.01.2018

Auch wenn dieses Buch nicht unbedingt das beste von Bernhard Schlink („Der Vorleser“) ist, so hat es mir doch gut gefallen.

Olga, die Hauptperson der Geschichte, wächst in ärmlichen Verhältnissen auf und schafft es doch allen Widrigkeiten zum Trotz Lehrerin zu werden. Sie liebt Herbert, einen Jungen aus gutem Haus, dessen Familie sich vehement gegen die Verbindung stellt. Und auch Herbert bekennt sich nicht öffentlich zu Olga. Viel lieber geht er auf Abenteuerfahrten, nach Deutsch-Südwest, nach Karelien und schließlich in die Arktis, vor dort kehrt er nicht zurück.

Das Buch gliedert sich in drei Teile: einmal die Geschichte Olgas, dann ihre Freundschaft mit dem jungen Ferdinand, der viel über die Frau erfährt und zuletzt die Briefe, die Olga Herbert nach Tromso geschrieben hat und die einige Dinge erklären, die vorher rätselhaft geblieben sind.

Das ist eine sehr geschickte Einteilung, denn sie macht das Buch lebendig und zum Schluss wird es auch noch ziemlich spannend.

Besonders gut hat mir die Schilderung eines typischen Frauenlebens im 20. Jahrhundert gefallen. Olga erlebt viele Höhen und Tiefen, dich mit unglaublicher Langmut nimmt sie ihr Schicksal an, wie es viele Frauen während der beiden Weltkriege und danach getan haben.

Schlink schreibt routiniert und sprachgewaltig, manchmal hart, manchmal poetisch, doch hat das Buch einige Längen.

Trotzdem fand ich es angenehm zu lesen und kann es empfehlen.

Autor: Mathildis | Datum: 12.01.2018

Peter Wohlleben hat mit seinen Naturbüchern den Sachbuch-Überraschungserfolg der vergangenen Jahre geliefert. Der Förster, der eine Waldakademie in der Eifel leitet, fasziniert die Menschen mit seinen fundierten Naturkenntnissen und - das ist sein ganz großes Plus - er kann sein Wissen verständlich für die Leser an den Mann und an die Frau bringen.

Wie schon in den beiden Vorgängerbänden lockt er die Leser erst einmal mit "süßen" Bilden auf dem Cover, hier mit einem niedlichen Frischling und einem Marienkäfer. Doch in dem Buch geht es dann zur Sache. Wir erfahren viel über die Beziehungen zwischen Tieren und Pflanzen, über die Rolle von Pilzen und Bakterien und über die Folgen, die das menschliche Handeln auf unser Ökosystem hat.

Seine Thesen sind sicherlich nicht unumstritten, z.B. was die Rückkehr des Wolfes angeht, aber er begründet seine Meinung immer detailliert und regt so zu Diskussionen an. Auch kritisiert er immer wieder Jäger und Waldbesitzer wegen ihres Verhaltens, das provoziert natürlich Konflikte.

Insgesamt aber sieht man die Natur nach der Lektüre des Buches mit anderen Augen. Dabei macht das Lesen auch noch Spaß, denn von so einem lesenswerten Autoren lässt man sich gern in das geheime Leben der Natur entführen. Beim nächsten Waldspaziergang ist man sicherlich aufmerksamer und sieht Zusammenhänge, die einem vorher nicht klar waren.

Autor: Paul | Datum: 09.01.2018

Hier kommt unser "Buchtipp der Woche" von Paul. Er hat von Jonas Moström "Dominotod" gelesen und bewertet:

Ein Mord an einem Arzt. Ein zweiter Arzt verschwindet spurlos. Beide Male wird ein Dominospielstein gefunden. Ein Serienmörder ist offensichtlich am Werk. Aber was haben die Dominosteine zu bedeuten? Phychiaterin Nathalie Svensson versucht den Fall zusammen mit Kommissar Johan Axberg zu lösen. Ist Nathalies Schwester eventuell tief in den Fall verwickelt? Und welche weiteren Opfer sind zu befürchten?

Jonas Moström hat eine ganze Menge Personen, die im Buch eine Rolle spielen. Aber er schafft es, diese Personen so einführen, dass der Leser trotz der Vielzahl nicht verwirrt wird.

Der Leser wird auf andere Weise verwirrt, nämlich dadurch, dass er immer wieder vom Autor in die Irre geführt wird. Gerade hat man sich auf einen bestimmten Verdacht eingelassen, da wird schon wieder eine andere Person verdächtig. Aber das ist ja legitim in einem Krimi, ja es ist sogar geboten.

Das Buch ist leicht zu lesen. Eine angenehme Abendlektüre.

Autor: Mathildis | Datum: 20.12.2017

Mathildis meint dazu:

Ich gebe zu, dass ich mich bei diesem Buch nicht ganz entscheiden kann, ob ich es gut finde. Nachdem mich "Unterleuten" wirklich begeistert hat, löst dieses Buch widersprüchliche Gefühle bei mir aus.

Britta betreibt mit ihrem Geschäftspartner Babak eine Agentur namens "Die Brücke", die sich mit Männern beschäftigt, die Selbstmord begehen wollen. Einige werden "geheilt", aber einige vermittelt die Brücke an Organisationen, für die diese Menschen Selbstmordattentate begehen, damit es ein möglichst großes Presseecho gibt. Das ist zynisch, aber Britta und Babak sehen das Ganze sehr pragmatisch - und sie werden reich damit.

Als plötzlich eine ähnliche Organisation auf dem Markt auftaucht, werden die beiden nervös, denn Konkurrenz kennen sie bisher nicht. Doch dann ergibt sich die Gelegenheit zu einem großen Coup.

Das Buch spielt in der nahen Zukunft, Merkel ist abgesetzt und eine faschistische Partei namens BBB (Bewegung besorgter Bürger) schafft nach und nach das Grundgesetz ab. Natürlich denkt man an eine ganz bestimmt Partei bei einem solchen Szenario und der politische Hintergrund des Buches ist sehr aktuell. Man fragt sich unwillkürlich: "Was wäre, wenn...?"

Trotzdem wurde ich mit dem Buch nicht wirklich warm, dazu sind mir die Hauptfiguren zu fern. Sie leben in einer Welt, die ich nicht verstehen kann und will.

Juli Zeh schreibt wieder einmal ganz hervorragend, präzise und wortgewandt, doch es bleibt bei mir ein schales Gefühl, zumal das Ende viele offene Fragen zurücklässt.

Autor: Paul | Datum: 13.12.2017

Paul meint: Das kann er eigentlich besser.

Der englische Spion im Ruhestand Guillam, der ehemalige Assistent von George Smiley (Der Spion, der aus der Kälte kam), soll bei der Aufklärung der Operation Windfall helfen, bei der es an der Berliner Mauer zwei Todesopfer gab. Es sind Akten verschwunden. Doch Guillam kann und will nicht unbedingt Licht in das Dunkel um Windfall bringen.

Soweit der Ausgangspunkt. Im Roman entwickelt sich jetzt ein Hin und Her zwischen Erinnerungen, Befragungen, Beschreibungen, trockenen Aktenzitaten. Dabei bleibt der Leser ziemlich außen vor. Ich hatte jedenfalls Schwierigkeiten, mich in der Vielzahl der handelnden Personen in der Gegenwart bzw. Vergangenheit zurechtzufinden. Das hätte übersichtlicher gestaltet werden können.

Das kann Carré besser. Ich fühlte mich als Leser jedenfalls nicht besonders angesprochen und blieb recht unbeteiligt. Ich hatte mir jedenfalls mehr davon versprochen.

 

Autor: Mathildis | Datum: 06.12.2017

Die Bücher von Daniel Kehlmann werden immer mit großer Spannung erwartet, nach "Die Entdeckung der Welt" zählt er zu den deutschen Topautoren. Nachdem mich seine letzten Bücher nicht überzeugen konnten, hat er nun wieder ein großartiges Buch geschrieben.

In "Tyll" geht es um den Menschen, den wir als Till Eulenspiegel zu kennen meinen: der lustige Spaßmacher, dessen Figur schalkhaft lachend vor der Möllner Nikolaikirche sitzt, dessen Geschichte vielfach in Lesebüchern erzählt und sogar vertont wurde. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit!

Kehlmann legt in dichterischer Freiheit das Leben des Tyll vom 14. ins 17. Jahrhundert, in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Das Buch ist in einzelne Episoden aufgeteilt, die durch die Figur des Tyll zusammengehalten werden.

Die Menschen leiden unter den Grausamkeiten des Krieges, ein Leben ist nichts wert. Tylls Vater wird als Hexer verurteilt und aufgehängt, seine Mutter muss sich allein durchschlagen. Tyll zieht derweil mit fahrendem Volk durch die Lande und erlernt alle Tricks und Kniffe, um auf der Straße als Geächteter zu überleben. Schließlich kommt er als Hofnarr zu dem abgesetzten "Winterkönig" Friedrich von der Pfalz, dessen Griff nach der böhmischen Königswürde den Dreißigjährigen Krieg auslöste.

Das Buch ist nicht linear erzählt, sondern springt in einzelnen Episoden munter durch die Zeiten. Das macht das Lesen nicht ganz einfach, ebenso wie die Vielzahl von erfundenen und historischen Personen, die immer wieder auftauchen und nur durch den Bezug zu Tyll zusammengehalten werden.

Trotzdem beeindruckt das Buch durch seine sprachliche Kraft und seine große Fabulierkunst. Hier stimmen Hauptperson und Erzählstil in einem großen Maß überein, ohne künstlich zu wirken. Man kommt ganz nah an die handelnden Menschen heran, das ist manchmal brutal und grausam, manchmal aber auch zu Herzen gehend.

Ein unbedingt lesenswertes Buch für anspruchsvolle Buchfreunde!

Autor: Paul | Datum: 29.11.2017

Ab jetzt bekommt ihr mehr oder weniger regelmäßig einen Buchtipp von Paul oder Mathildis Schmitz.

Es geht los mit Paul. Hier seine Besprechung von Håkan Nessers „Der Fall Kallmann“:

Kallmann, merkwürdiger Typ. Wurde er nun ermordet? Oder war es ein Unfall? Merkwürdige Tagebücher spielen eine große Rolle. Ein Privatschnüfflertrio, bestehend aus drei Lehrern der Gesamtschule in K., macht sich an die Lösung des Falls. Dabei spielt Charlie, ein genialer Schüler an der Bergtune Schule in K., der den toten Kallmann fand, eine Schlüsselrolle. Findet der Fall Kallman eine Lösung, wenn man zwei Generationen in die Vergangenheit geht? Wer ist Kallmann wirklich? Und was hat Charlies Mutter, die Künstlerin, mit dem Ganzen tun?

Nesser hält das ganze Buch über bis zur einigermaßen überraschenden Lösung eine subtile Spannung aufrecht. Das Buch ist kein Reißer, kein Thriller, einfach ein Roman. Im Buch spielen nicht nur Kallmanns Tagebücher eine wichtige Rolle. Das ganze Buch ist in einer Art Tagebuchform geschrieben. Dabei wechseln die fiktiven Tagebuchschreiber von Kapitel zu Kapitel. Sehr gut gelingt in den einzelnen Kapiteln jeweils der Übergang von der rein beschreibenden Form zu den Dialogen. Zu Beginn der einzelnen Kapitel ist man als Leser gezwungen, sich erst mal neu zu orientieren. Wer "schreibt" denn jetzt das nächste Kapitel? Durch diese Form des Buches bleibt der Autor quasi unbeteiligt im Hintergrund.

Wer keinen reißerischen Krimi sucht sondern einen soliden Roman, ist mit diesem Buch gut bedient.